Sehnsucht

Franziska von Schießl, 8b

Amberg, 30.7.1999

Liebes Tagebuch,

so, jetzt ist es geschafft. Der Umzug ist perfekt. Alles ist eingeräumt, sauber und ich und Mami sind total geschafft. Dieser Umzug hat mit allem Drum und Dran nicht ganz drei Wochen gedauert. Es ging so schnell, dass ich es gar nicht richtig begreifen konnte. Zuerst hat es mir Mami gesagt, dann haben wir zusammen eine Wohnung ausgesucht und dann ging der Umzug direkt vonstatten. Es war beängstigend. Aber alles fing schon viel früher an. Circa drei Jahre früher. Meine Eltern hatten sich immer und immer mehr und öfter gestritten. Manchmal saß ich in meinem Zimmer, legte mich in mein Bett und obwohl ich sie schon kannte, diese Streitigkeiten, liefen mir die Tränen runter. Ich wusste nicht warum, aber es geschah einfach. Später vertrugen sich meine Eltern wieder, aber mit jedem erneuten Streit ging etwas zwischen meinen Eltern kaputt. So ging es zwei Jahre, aber Mami sagte immer, dass das in den besten Familien vorkommt.

Dann, nach diesen zwei Jahren, fuhren wir nur noch getrennt in den Urlaub. Meine Eltern sagten nur, dass sie nie zur selben Zeit Urlaub kriegen. Na ja, was sollte man auch anderes tun, als das zu glauben. Ein halbes Jahr später wurde mir es dann langsam klar. Sie stritten sich fast immer. Sie waren nur glücklich, wenn sie nicht zusammen waren. Auch wenn wir etwas unternommen haben: immer nur getrennt. Wenn ich bei meiner Freundin war, war ich auch nie richtig glücklich, obwohl ich ja die Streitereien nicht mithören musste. Ich hatte immer die "glückliche Familie" vor mir. Das war aber überall so, überall sah ich nur die "glücklichen Familien" vor mir. Ich verspürte immerzu einen Stich im Herzen. Ich sehnte mich auch so sehr nach einer glücklichen Familie, aber so sehr ich mir das wünschte, ich versuchte doch realistisch zu sein. Doch nach Liebe sehnte ich mich nicht, ich wusste, dass mich meine Eltern liebten, ich liebte sie auch, doch ich wollte auch, wie alle anderen in meiner Nähe, glücklich sein. Ein gutes Familienleben haben. Zusammen mit meinen Eltern etwas unternehmen. Mich zusammen mit meiner Familie zeigen. Nicht nur mit meiner Mutter oder mit meinem Vater.

Dann, vor einem Monat, stand es fest: Meine Eltern ließen sich scheiden. Als meine Mutter es mir sagte, war ich schon darauf gefasst. Ich erwartete es schon sozusagen. Einige Tage später sagte ich es meinen Freunden. Sie waren sehr überrascht, da ich es einfach sagte. Ich hätte auch erwartet, dass ich weine oder so, aber ich sagte es einfach. Einfach so. Meine Eltern sprachen kaum noch miteinander, sogar nicht mehr mit mir. Es war eine sehr komische Spannung bei uns zu Hause. Jetzt habe ich ein anderes Zuhause. Hier ist Amberg. Es ist gewöhnungsbedürftig: einiges fehlt noch. Bald werde ich das erste Mal zu meinem Vater fahren. Ich habe irgendwie ein komisches Gefühl. So, als ob ich jetzt wieder umziehe. Aber irgendwie freue ich mich auch, ihn wieder zu sehen. Es ist komisch: Ich sehne mich noch immer nach der "glücklichen Familie", aber jetzt im anderen Sinne. Ich hoffe, dass ich mit dieser Situation gut umgehe und dass ich mit meiner "neuen" Familie, und zwar meiner Mutter und mir, sehr glücklich werde. Und das werde ich auch. Ich schaffe das.

Deine Ulrike