Vogelperspektive

Carola Weber (G 6c)

Der Mond schien hell. Es war eine klare Nacht. Die Sterne funkelten, und die elfjährige Lena stand am Fenster und schaute gedankenverloren in den Himmel. Sie konnte nicht schlafen, denn ihre Eltern stritten sehr laut über irgendetwas. Aber die Lautstärke war es nicht, die sie bedrückte. Es war etwas anderes: Ihre Eltern wollten sich scheiden lassen. Lena war den Tränen nahe. Wie es wohl ist, wenn man getrennte Eltern hat? Das konnte Lena sich gar nicht vorstellen. Um den schlimmen Gedanken zu vergessen, dachte sie an etwas anderes. Ihr größter Traum war es, einmal zu fliegen. Aber nicht mit dem Flugzeug. Einfach so.

Weil es in ihrem Zimmer ziemlich stickig war, öffnete sie das Fenster und atmete tief durch. Eine leise Brise wehte vorbei. Lena schaute träumerisch die bunten Blätter an, die aufwirbelten. Langsam stieg sie auf das Fensterbrett. Obwohl es Herbst war, fror Lena nicht. Mit ihren hellblauen Augen verfolgte sie die Mücken, die vor ein paar parkenden Autos ihren Tanz aufführten. Die Insekten zirpten, doch der Klang wurde immer ferner, immer ferner...

Plötzlich befand Lena sich auf einem riesigen Blatt. Es trug sie in der Luft, weit über den Häusern. Der Wind blies durch ihr langes, blondes Haar. Die Berge sahen wie Hügel aus. Lena konnte ihr Glück kaum fassen. Das Blatt flog tiefer, sodass man sogar ein paar Katzen umherstreifen sehen konnte. Lena schloss genussvoll die Augen. Als sie sie öffnete, stieß sie einen leisen Schrei aus. Sie raste direkt auf den Kirchturm zu. „0 Gott, das ist das Ende“, dachte sie entsetzt. Ein Hilferuf würde auch nichts bringen. Der Kirchturm kam immer näher. Abspringen aus dieser Höhe wäre Selbstmord. Vor lauter Verzweiflung rief sie: „Links! Nach links!“ Und - es war ein Wunder - das Blatt flog gerade noch rechtzeitig nach links. Beinahe wäre Lena am Kirchturm zerschmettert.

Erleichtert atmete sie auf. Dann hatte sie eine Idee. „Flieg bitte tiefer“, erklärte sie dem Blatt. Es flog tiefer. Und Lena begriff. Das Blatt machte genau das, was sie ihm sagte.

Jetzt waren sie nur noch zwei Meter vom Boden entfernt. Hie und da wichen sie einem Baum aus. Die Straßen waren wie ausgestorben. Nur in einer Wohnung brannte Licht. Lena wurde neugierig. Wer war so spät noch auf? „Stop!“, befahl sie dem Blatt. „Flieg näher an das Fenster dort!“

Das Blatt tat wie ihm geheißen. Vorsichtig spähte Lena durch das verhältnismäßig kleine Fenster. Der Vorhang war zugezogen. Sie vergewisserte sich, dass niemand sie beobachtete.

Dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit den Stimmen, die man von drinnen hörte. Lena fing unwirsche Worte auf. Ein Mann schrie, eine Frau schluchzte. Offenbar meinte der Mann, dass seine Frau einen Liebhaber hatte. Auf einmal kam eine Kinderstimme dazu. Sofort hörten beide auf zu streiten. „Was ist?“, fragte das Mädchen. „Ach ... nichts“, meinte der Mann. „Warum streitet ihr?“ „Ist schon okay“, entgegnete die Mutter.

„Ach hört doch auf“, schrie das Kind plötzlich. „Gar nichts ist okay! Andauernd streitet ihr, das soll schon okay sein?!“ „Elke“, warf die Mutter langsam ein. „Vater und ich werden uns trennen. Das ist das Beste für uns alle, glaub mir.“

Anscheinend verschlug es der aufgebrachten Tochter die Sprache. Für kurze Zeit herrschte absolute Stille. Lena dachte an zu Hause. Ob sich ihre Eltern scheiden lassen würden? Diese Vorstellung ließ sie ganz traurig werden.

„Wenn ihr mich wirklich liebt, dann bleibt ihr zusammen!“, rief das Mädchen plötzlich. Wenn sie es auch nicht sah, Lena war sich ganz sicher, dass es weinte.

Sie wollte das Gespräch nicht weiter verfolgen. Als hätte das Blatt ihre Gedanken gelesen, kehrte es um.

Plötzlich sprach jemand mit Lena.

„Denkst an deine Eltern, wie?“ Erschrocken drehte sich Lena um. Neben ihr saß ein etwa sechzehnjähriger Junge auf einem noch viel größerem Blatt. Er hatte braunes Haar und unnatürlich grüne Augen.

„Wie kommst du hierher?“, fragte sie ihn ungläubig. „Einfach so“, erwiderte der Junge achselzuckend. „Und woher weißt du, dass ich an meine Eltern denke?“ „Weil dein Blatt sich braun verfärbt hat.“ „Häh?“, murmelte Lena. Sie blickte ihr Fluggefährt an. Tatsächlich war es braun. „Was hat das denn zu bedeuten?“

„Wenn man fröhlich ist, ist das Blatt rot. Wird man traurig, so wird es braun. Und so braun, wie deines ist, kann es nur sein, wenn man an seine Eltern denkt. - Aber sieh es doch positiv. Du wirst von beiden Taschengeld bekommen. Beide wollen, dass du sie mehr magst. Sie werden mit dir verreisen, dir Geschenke machen wie nie zuvor.“

Lenas Blatt wurde hellbraun.

„Außerdem haben sie dich doch lieb, und wenn du mich fragst, geht dir das Gestreite bestimmt auf die Nerven. Da ist es doch besser, wenn sie getrennt leben.“

„Stimmt eigentlich, so könnte man das auch sehen. Sag mal, wie heißt du eigentlich?“ „Mark“, bekam sie zur Antwort.

„Woher weißt du so genau, wie man sich fühlt, wenn die Eltern sich scheiden lassen wollen?“, fragte Lena. „Meine sind es schon“, erklärte der Junge gelassen. „Am Anfang habe ich mir dieselben Gedanken gemacht wie du. Und weißt du, was mir geholfen hat, das Ganze zu verstehen? Ich bin ganz hoch über die Wolken und Berge geflogen, wo man kaum noch Luft kriegt. Da habe ich einfach an etwas anderes denken müssen. Dann bin ich niedriger geflogen, sodass ich die Menschen als winzigen Punkt sehen konnte. Weißt du, was ich mir dann vorgestellt habe? Dass ich ein Herrscher bin, ein mächtiger Herrscher, und unter mir die kleinen Untertanen. Allein von mir hängt es ab, wie es meinem Volk geht. Und so war es auch in der Realität. Allein von mir hing es ab, ob ich mich verkroch und ausheulte oder ob ich die Entscheidung meiner Eltern akzeptierte. Eine der beiden Varianten musste ich wählen. Jedes Mal, wenn der Mond so hell schien wie heute, flog ich über unser Dorf. Ich kehrte immer rechtzeitig vor Morgengrauen zurück, dass niemand etwas merkte. Einmal war ich so in Gedanken versunken, dass ich nicht bemerkte, dass es schon dämmerte. Die Vögel waren auch schon wach. Ich war mir meiner Lage erst bewusst, als mir eine Schwalbe entgegenkam. Dieses Ereignis werde ich nie vergessen. Alle Vögel pfiffen und sangen und waren so fröhlich. Wenn sie flogen, schienen sie all ihre Sorgen vergessen zu haben. Ich sagte meinem Blatt, es soll schneller fliegen. Und wie ich dann hoch oben umhergesaust bin, das hättest du sehen müssen. Ich war schneller als die Vögel! Dann versuchten sie anscheinend, mich einzuholen. Mir kam es wie ein Wettrennen vor. Du musst wissen, ich bin ein sehr guter Läufer, und bei den Rennen gewinne ich immer. So gewann ich auch dieses Mal. Und dann fiel bei mir endlich der Groschen. Wenn ich ein Gewinner sein wollte, musste ich glücklich sein, denn einen traurigen Gewinner gibt es nicht. Also entschied ich mich für die fröhlichere Variante. Bis jetzt habe ich es noch nie bereut.“

Inzwischen hatte das Blatt Lenas wieder seine normale rote Farbe angenom-men. Lena schwieg. „Was ist?“, fragte Mark.

„Ich überlege. - Sag mal, können wir nicht auch so ein Rennen machen?“ „Aber immer doch. Das ist meine Spezialität. Wer als erstes um den Berg da ,rum ist.“ „Okay.“

„Auf die Plätze, fertig, los!“ Mark zischte davon wie ein Düsenjäger. Lena hinterher.

Mark drängte sein Blatt, immer schneller zu fliegen. Lena nicht. Sie hatte Mark vorhin sehr gut zugehört. Und ihr war etwas aufgefallen. Das Blatt flog nach Gefühlen.

Den Streit mit den Eltern und dem Kind hatte sie nicht weiter verfolgen wollen. Und ihr Blatt war weggeflogen. Mark hatte sich sehr über den Gesang der Vögel gefreut. Und er war schneller gewesen als je zuvor.

Also dachte Lena daran, wie sehr sich ihre Eltern freuen werden, wenn sie nicht in Tränen versinkt. Ihr Blatt wurde schneller. Sie musste zwar die Richtungen anweisen, aber sich nicht wie Mark die Kehle aus dem Leib schreien.

Gleich hatte sie es geschafft. Sie dachte an das verblüffte Gesicht Marks, wenn sie gewinnen würde. Sie dachte daran, wie schön doch das Leben sein kann, wenn man die guten Seiten der Dinge sieht. Und sie gewann.

„He, Lena!“

Jemand rüttelte das Mädchen wach. „Du holst dir noch eine Erkältung!“ Das war die vertraute Stimme ihrer Mutter. In ihrer Stimme lag etwas Zittriges. Lena rappelte sich vom Fensterbrett auf „Was ist?“, fragte sie schlaftrunken.

„Wir müssen dir etwas sagen“, erklärte die Mutter. „Vater und ich werden uns scheiden lassen. Das musst du ver-“
-„Ist schon gut“, erwiderte Lena grinsend, „das verstehe ich schon.“
Den Eltern stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben.

„Du - meine Große“, lächelte der Vater.
„Jetzt leg dich aber ins Bett und schlaf´ ein bisschen.“
Lena tat wie ihr geheißen.

Sie hielt die Augen noch lange offen. Ihr kam es vor, als winkte ihr jemand mit braunen Haaren und unnatürlich grünen Augen auf einem Blatt von ihrem Fenster aus zu...