Der Kritzelelf

Janette Maaß (G7d)

Betti saß am Abend vor dem Fenster. Sie langweilte sich furchtbar. Warum musste sie nur immer so früh nach Hause? Auf der Papierunterlage ihres Schreibtisches war noch etwas Platz. Betti nahm einen Stift in die Hand und schrieb wahllos Buchstaben auf das Papier:

„L E D U A R T A M 0 D N U D E R F N A M A P 0.“ Leise murmelte sie nun das Wort vor sich hin: „LEDUARTAM0DNUDERFNAMAP0...mmmh, klingt irgendwie -“, doch weiter kam sie nicht. Plötzlich blitzte es und ein Männchen, nicht größer als die Lippenstifte von Bettis Mutter, stand vor ihr auf der bekritzelten Unterlage. Gelangweilt besah das Männchen prüfend seine langen Nägel und leierte einen anscheinend auswendiggelernten und schon oft aufgesagten Reim herunter:

„Hallo, ich bin ein Kritzelelf,
Sag' mir, wie ich dir kann helf'!
Mein Name ist Hansi, mein Magen leer.
überleg' s dir gut, denn es ist schwer,
Die richtigen Worte zu sagen.
Bitte faß dich kurz und denk' an meinen Magen...“

„Was bitte soll ich? Wer bist du denn überhaupt?“

„Also, noch mal: Ich bin ein Kritzelelf, heiße Hansi und du hast mich gerufen, indem du die richtigen Buchstaben - LEDUARTAMODNUDERFNAMAPO - auf ein Blatt gekritzelt hast. Jetzt hast du einen Wunsch frei, aber überleg' dir gut, was du möchtest, denn schon so mancher hat sich riesig geärgert über seinen Wunsch. Rumpelstielzchen zum Beispiel! Wollte unbedingt, dass sein Name geheim bleibt. Aber er konnte sich ja nicht beherrschen und musste ihn laut herausposaunen. Selbst schuld, sein Ende ist dir sicher bekannt. - Oder die Stiefmutter von Schneewittchen: Wollte immer schöner sein als das arme Mädel! Aber bei der alten Schachtel war einfach nichts mehr zu machen. Naja, der Wunsch sollte eben nicht zu überheblich sein.“

Betti lächelte. “Aha, Hansi heißt du also. Und einen Wunsch hab' ich frei. Soso. Na, dann mal los. Was soll ich mir nur wünschen? Einen Topf voll Gold? Nein, mein Taschengeld reicht eigentlich aus. Ein Tag im Schlaraffenland? Nein, bei Omi schmeckt' s eben doch am besten. Was wollte ich schon immer haben? Mmmmh, das ist gar nicht so einfach. Aber ich glaube, ich weiß, was ich mir wünsche. Ja, das wär's: Ich möchte auf einem fliegenden Teppich zum Regen-bogen fliegen! Könntest du das hinkriegen?“

„Kein Problem. Für einen Keks und ein Gläschen Milch tu' ich doch alles... Wäre das vielleicht möglich? Dann erfüll' ich dir jeden Wunsch!“

Doch dann stockte der Kritzelelf. “Aber halt! Oje, tut mir wirklich leid, mir fällt gerade ein, dass die Teppiche vergriffen sind. Es ist sozusagen der Standardwunsch, einen fliegenden Teppich zu besitzen. Doch wie wäre es mit einem schönen Herbstblatt? Wärest du damit auch einverstanden?“ Verschmitzt grinste der kleine Elf Betti an.

„Aber klar. Warte bitte kurz, ich komme gleich wieder“ Betti schlich in die Küche, füllte ein Schnapsglas mit Milch und klaute einen besonders großen Schokoladen-keks aus der Naschdose. Mit dem Glas in der einen und dem Keks in der anderen Hand stahl sich das Mädchen zurück in ihr Zimmer. Ungeduldig sah sie dem begeisterten Kritzeleif beim Verschlingen der Lebensmittel zu und endlich war er fertig. Zufrieden rieb er sich den kugelrunden Bauch und fragte seine Wohltäterin: „Na, bist du bereit? Ich kann jetzt loslegen.“ „Natürlich. Ich bin schon ewig fertig. Bitte fang' an.“

Atemlos beobachtete das Mädchen Hansi, als er sich schwerfällig erhob und aus seiner Hosentasche einen ungefähr 1 1/2 Zentimeter langen, nadelähnlichen Zauberstab holte. Er schwang den Zauberstab hin und her, murmelte ein paar unverständliche Worte und plötzlich blitzte es. Betti, die bis dahin keinen Mucks machte und atemlos dem Treiben des Kritzelelfs zusah, schrak hoch und musste sich die Hand auf den Mund drücken, um nicht loszuschreien. Als sie sich beruhigt hatte, fand sie Gelegenheit, das vor ihr liegende rotorangene Herbstblatt zu bestaunen. Es war gerade so groß, dass sie bequem darauf Platz nehmen konnte. Hansi stand lächelnd auf dem Blatt und deutete einladend auf den fliegenden Teppich der etwas anderen Art. „Und wann fliegen wir los? Es ist nämlich schon dreiviertel zehn und dunkel draußen. Kann man jetzt überhaupt den Regenbogen sehen?“

„Mmmh', daran hab' ich gar nicht gedacht. Aber wenn wir hoch genug fliegen, dürfte das kein Problem sein. Wann möchtest du denn aufbrechen?“

„Eigentlich so schnell wie möglich.“

„Also, wenn das so ist, mach's dir gemütlich auf dem Blatt und wir fliegen los!“ Betti setzte sich ein wenig unsicher hin und Hansi kletterte zum Stiel, wo er auf einen kleinen roten Knopf auf der Unterseite des Flugapparates drückte. Kurz darauf begann er etwa einen halben Meter über Bettis Teppichboden zu schweben. Der Elf holte wieder seinen Zauberstab aus der Tasche und fuchtelte damit herum, bis es wieder blitzte und sich das flache Flugzeug draußen vor dem Fenster des Mädchens befand. Noch ein kurzer Schlenker mit dem Zauberstab, ein kleiner Blitz und das rotorangene Herbstblatt flog über die vielen Häuser und deren gemütlich leuchtende Fenster. Je höher sie flogen, desto kleiner wurden die Gebäude und der Kirchturm, desto kühler wurde es trotz der warmen Sommernacht auch auf dem Blatt, auf dem Hansi und Betti schweigend saßen. Doch darauf achtete Betti gar nicht mehr, denn soeben hatte sich ihr Wunsch erfüllt: Sie schwebten auf Höhe des bunten, riesengroßen und wunderschönen Regenbogens. Betti bewunderte ihn mit weit aufgerissenem Mund und konnte ihr Glück kaum fassen: Der sonst so unerreichbare Regenbogen war nun zum Greifen nah. „Ist das schön!“ „Ja, aber ist das nicht langweilig, ihn die ganze Zeit anzusehen? Wie wär's, wenn wir herunterrutschen? Das macht Riesenspaß!“

„Ich bin einverstanden. Aber du rutschst zuerst.“

Hansi sprang auf den Regenbogen und glitt kichernd in die Tiefe. Betti tat es ihm gleich und als sie unten ankam, wurde sie von einem weichen Wolkenkissen aufgefangen, an dessen Ende Hansi schon auf sie wartete. Wo sind wir denn hier?“

„Auf dieser Etage wohnt Petrus. Aber er ist zur Zeit im Urlaub.“

“Und wie macht er dann das Wetter?“

„Oh, das hat er vorprogrammiert. Lass uns noch eine Etage tiefer fahren.“ Wieder rutschte der Elf den Regenbogen herunter und wartete, diesmal am Ende einer aus kuscheligen Kissen bestehenden Straße auf seine Begleiterin, die kurz nach ihm in der Kissenstraße versank. „Und wer wohnt hier?“

„Hier wohnt normalerweise der Kobold mit den Goldtopf. Aber er darf noch ein paar Jährchen im Himmelsgefängnis verbringen, weil er sich im Goldtopf bedient hat. Und das auch noch vor laufender Überwachungskamera... Aber genug davon. Es ist schon halb sieben! Sollten wir nicht langsam zurück?“ „Was, schon halb sieben? In einer halben Stunde werde ich geweckt! Ich muss schnellstens nach Hause.“

„Na, wenn das so ist, rutschen wir am besten in dein Zimmer!“ Hansi schritt auf einen kleinen Bildschirm zu, unter dem Knöpfe mit den Zahlen von eins bis neun angebracht waren. Er gab eine Zahlenkombination ein und wandte sich wieder Betti zu: „Wir können los. Der Weg ist schon eingegeben, ich rutsche wieder vor. Bis gleich!“ Und schon war er verschwunden. Betti sah sich um. Eigentlich wollte sie noch nicht gehen, aber was würde sich ihre Mutter für Sorgen machen? Es nützte ja doch nichts. Nach einem letzten Blick schwang sie sich auf den Regenbogen. Es blitzte und sie saß wieder zu Hause vor ihrem Schreibtisch. Auf der Papierunterlage stand neben den Buchstaben der kleine Elf, der in seiner Hosentasche kramte. „Was suchst du denn?“, wollte Betti wissen. Doch da zog Hansi schon ein Päckchen aus der Tasche. „Hier, bitte schön. Das sind die Fotos von unserem Ausflug. Einen schönen Tag noch, ich muss das fliegende Blatt noch herunterholen. Tschüss, vielleicht sehen wir uns ja noch mal.“ Bevor Betti fragen konnte, woher er die Fotos hatte und sie sich verabschieden konnte, war der Kritzelelf verschwunden.

Das Mädchen öffnete traurig das Packet. Als sie den Inhalt fand, stutzte sie. Es war kein richtiges Foto, es war ungefähr so groß wie ein DIN A5 Blatt, hatte einen Bildschirm und einen Start-Knopf. Betti drückte auf den Knopf und auf dem Bildschirm erschienen sie und Hansi, vor ihrem Fenster auf dem fliegenden Blatt. Es blitzte auf dem Bildschirm und sie flogen auf den Regenbogen zu. Die Bilder bewegten sich, genau wie beim Fernsehen. Und sie konnte sich ihren ganzen Ausflug so oft ansehen, wie sie wollte! Das war ein wirklich tolles Geschenk!

Als sie im Flur Schritte hörte, legte sie sich schnell mit ihrem Geschenk ins Bett. Gerade noch rechtzeitig, denn da kam ihre Mutter ins Zimmer und sah sie verdutzt an: „Wirst du etwa krank? Du siehst ja aus, als ob du die ganze Nacht nicht geschlafen hast. Ich sollte dich heute lieber mal zu Hause behalten. Hörst du?!“ Doch da war Betti schon eingeschlafen und träumte vom Regenbogen...