Angst — Hoffnung

Susanne Heuer (G9b)

Da war er wieder, der so vertraute, quälende Traum. Es ruft mich. Ich kann es fühlen. Immer wieder. Ein niemals endendes schrecklich bekanntes Echo. Es zerreißt mich. Zieht mich den Weg entlang, den ich im Geiste schon unendlich oft gegangen bin. Ich weiß, es wird enden wie jedes Mal. Aber ich kann nicht stehen bleiben. Unsichtbare Fäden ziehen mich weiter voran. Hinein ins Dunkel. Hin zu dem Spiegel. Sieh nicht hin! Ich muss. Das Gesicht hinter dem Spiegel, hinter meinem Gesicht, es ruft. Ich kann es sehen. Die Augen weit aufgerissen, den Mund verzweifelt nach Luft schnappend zu einer Grimasse verzogen, ruft es. Doch kein Laut dringt durch den Spiegel. Ich schlage mit den Fäusten hinein. In den Spiegel. Immer wieder. Meine Hände bluten. Sie ertasten ein Loch. Greifen hinein. In mein Spiegelbild. Direkt ins Feuer. Kaltes, dunkles Feuer. Die Kälte verbrennt meine Hände. Ich fasse mein falsches Spiegelbild. Will es auf meine Seite, die richtige Seite ziehen. Heraus aus der Dunkelheit. Verzweifelt versuche ich es zu halten. Bin zu schwach. Der Spiegel, er brennt. Nein, das Gesicht im Spiegel, mein Gesicht brennt. Ich brenne. Es zieht mich hinab. Kalt, so kalt.

Krampfhaft die Fäuste geballt reißt sie die Augen auf ohne ihre Umgebung wahrzunehmen. Schnappt nach Luft. Blutige Rinnsale fließen aus kleinen dunkelroten Halbmonden in ihren Handflächen auf das weiße Betttuch.

Sie sagen, ich hatte Glück. Jemand hat uns damals zurückgeholt. Aus dem Wasser. Meine Schwester, sie hat's nicht geschafft. Sie war zu lange auf der anderen Seite. Hinter dem Spiegel. In der brennenden Kälte. Unter dem Eis.

Sie sagen, ich solle Geduld haben. Dass ich es vergessen werde. Irgendwann...

Bis dahin werde ich immer wieder versuchen, ihr zu helfen. Auch, wenn ich es nie schaffen werde. Werde ihr jede Nacht hilflos gegenüberstehen.