Angst

Julia Hösl (G11c)

Der Mensch trat vor. Er sah sich um. Hunderte Gesichter blickten ihm entgegen, erwartungsvoll. Eine schreiende Stille herrschte, keine normale Stille, keine bloße Abwesenheit von Geräuschen. Die Stille auf der Menschenmasse zu seinen Füßen lag auf den Ohren und erstickte jeden Laut. Einmal mehr bereute er hergekommen zu sein. Hunderte von Augenpaaren waren auf ihn gerichtet, verfolgten gierig jede seiner Bewegungen, schienen seine Gedanken zu lesen, zu wägen und für zu leicht zu befinden. Am Rande seinen Bewusstseins nahm er ein Glas wahr, das sich schleichend füllte. Langsam spürte er seine Knie weich werden. Ein Tropfen.

Wieder suchte er nach einem Ausweg, stumm und verkrampft, wagte er doch nicht sich umzusehen. Ein hysterisches Lachen kroch seine Kehle hinauf, erfüllte seine Gedanken, wollte herausgelassen werden. Er holte Luft, wollte zu sprechen beginnen, doch seine Gedanken schienen die Flucht ergriffen zu haben. Noch ein Tropfen.

Ein leises Schluchzen entwich ihm zwischen den aufeinandergepressten Lippen. Weiche Hände aus Nichts legten sich um seine Kehle, das Schweigen drückte ihm die Luft ab. Einige Leute fingen an nervös herumzurutschen, zappelig zu werden, mit ihren Fingern zu spielen, nachdenklich auf den Lippen zu kauen.

Das Glas vibrierte bedenklich.

Die Unruhe schwebte greifbar über den Versammelten und die Peinlichkeit gesellte sich mit lautem Räuspern zu ihr. Man verrenkte die Köpfe, um die neuen Gäste nicht ansehen zu müssen. Hier und dort wurde mit einem traurigen Blick der Kopf geschüttelt. Die Enttäuschung nahm Platz und nickte ihnen zu.

Er schloss die Augen. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Wieso fürchtest du dich? Vor was läufst du davon?«

Das Glas zerplatzte als wäre es nie gewesen.

Zögernd teilte er die Lippen, eine plötzliche Panik schien ihm die Worte aus dem Mund gestohlen zu haben. Dann begann er zu sprechen. Und je mehr er sagte, desto leichter wurde es, desto besser fühlte er sich. Er begann zu erzählen und man merkte, dass er daran glaubte was er sagte, dass er sich dafür begeisterte. Ein Glücksgefühl keimte in ihm auf und umarmte ihn. Es löste die Fesseln der Angst von seinem Körper und seinem Geist und er entspannte sich. Während er sprach, erst zögernd, dann voller Elan, gestikulierte er, nickte er seinen Zuhörern zu und begann eine zarte Verbindung zu ihnen aufzubauen. Nicht er allein sprach hier, nein. Sie alle waren an diesem Gespräch beteiligt, wenn auch nicht laut, dann doch wenigstens im Gedanken.

Begeisterung stürmte herein und Unruhe verschwand zusammen mit Peinlichkeit und Enttäuschung leise durch den Hinterausgang. Eine Euphorie erfasste ihn und er erhob seine Stimme, er wollte alle erreichen, wenn sie auch noch so weit hinten standen und sich noch so sehr weigerten sich überzeugen zu lassen. Alle sollten hören was er zu sagen hatte. Schließlich erreichte er wieder dieses Gefühl der Erhabenheit, eine innere Weisheit die ihn immer dann erfasste, wenn er merkte, dass man ihm abnahm, was er erzählte. Er ließ seine Gedanken schweifen, erfasste neue Ideen, während er seine alten verkündete. Einmal mehr hatte er den Eindruck, dass ihn eigentlich niemand so hundertprozentig zu verstehen schien. Jeder erkannte seine eigene kleine Wahrheit in seinen Worten, die am besten in seine eigene kleine Welt passte, niemand hatte wirklich ganz mitbekommen worauf er hinaus wollte. Doch die Leute wurden offensichtlich von der Macht in seinen Worten angezogen.

Er merkte, dass er aufgehört hatte zu sprechen. Die Menge starrte ihn immer noch in spannender Erwartung an. Als erhofften sie, dass er jeden Moment in einem Feuerregen explodieren oder davon schweben würde. Sein Gesicht verzerrte sich, ohne dass er es merkte, zu einer traurigen Grimasse. Wenn sie ihn schon nicht verstanden, so hörten sie ihm doch wenigstens zu.

Er wollte keine goldene Krone für das was er tat. Und wenn ihn schon keine Krone des Ruhmes und der Liebe und Weisheit erwartete, dann doch wenigstens eine aus Dornen.