Die Prinzessin in der Dose

Franziska Semmelmann und Johanna Merkl (R 5b)

Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin. Sie lebte in einem prächtigen Schloss und besaß Unmengen von Gold und Diamanten. Doch der eitlen und hochnäsigen Prinzessin war dies nicht genug. Sie forderte ihre Untergebenen ständig zu neuen Abgaben auf, um ihren Reichtum noch zu steigern.

Als sie wieder einmal die Steuern erhöhen wollte, kam aus dem Nichts eine gute Fee. Nachdem sie die Prinzessin vergeblich gewarnt hatte, zauberte sie: "Kling Klang Mein, du bist jetzt winzig klein! Kling Klang Rose, du steckst in einer Dose! Ping Pang, Kling Klang!" Im nächsten Augenblick steckte die eingebildete Prinzessin in einer dunklen, blechernen, glänzenden Dose.

Die gute Fee verschwand wieder und hinterließ auf dem Thron, auf dem die eingebildete Prinzessin zuletzt gesessen hatte, das ungewöhnliche Gefäß.

Als ein Diener hereinkam, sah er die Dose. Er schlich vorsichtig näher, nahm und schüttelte sie. Er hörte, dass sich etwas darin befand, aber er konnte sie nicht öffnen. Deshalb steckte er sie heimlich ein und ging auf den Marktplatz. In der Dose wurde die Prinzessin hin und her geschüttelt und sie schrie aus Leibeskräften um Hilfe. Doch niemand hörte sie. Der Diener verkaufte die wunderschöne Dose mit Inhalt an einen Händler und erhielt dafür 1 Silberling. Danach lief er rasch zurück ins Schloss.

Der Händler freute sich über sein gutes Geschäft. Sofort rief er seinen Kunden zu: "Gute Ware, billige Ware! Kauft, Leute, kauft!" Ein Mann interessierte sich für das wunderbare Ding, das der Händler als magisches Gefäß bezeichnete. Er drehte die Dose hin und her und erwarb sie schließlich für 50 Silberlinge, die Hälfte seines Wochenlohnes. Sofort ging er nach Hause, um die Dose zu öffnen, Als ihm dies auch nach vielen Versuchen nicht gelang, stellte er sie vor sein geöffnetes Fenster. Ein kleiner Junge rannte vorbei und griff nach der Dose mit der Prinzessin darin. Er lief nahe am Fluss entlang und schüttelte das Gefäß wild umher und warf es dazwischen hoch in die Luft. Plötzlich kullerte es in die Fluten hinein und war gleich verschwunden. Die Dose mit der Prinzessin darin schwamm an einem Fischerdorf vorbei. Dort saß gerade ein Angler, der sie rasch herausfischte.

Interessiert und neugierig betrachtete er seinen Fund und stellte ihn neben sich auf die Erde. Sein Hund beschnupperte das ungewöhnliche Ding winselnd, anscheinend roch er die Prinzessin. Im nächsten Augenblick schnappte er sich das sonderbare Ding und lief davon. Der Fischer dachte sich nichts dabei, denn er glaubte ja, dass es sich um eine gewöhnliche Dose handelte, und ließ den Hund weiterlaufen. Dieser vergrub seinen Schatz halb in der Erde eines Weges nahe des Schlosses. Danach lief der Hund heim. Kurz darauf fuhr eine Königskutsche vorbei. Sie ruckte seltsam, als sie über die eingegrabene Dose rumpelte. Die adligen Personen im Innenraum erschraken fürchterlich und schrien durcheinander: "Kutscher, was ist denn los?" Dieser erwiderte: "Ich sehe sofort nach! Einen Augenblick bitte!" Er sprang vom Kutschbock, erblickte die Blechdose, grub sie aus und nahm sie mit. Anschließend beruhigte er seine Passagiere und fuhr weiter zum Schloss. Dort bemalte er seinen Fund in leuchtenden Farben und schenkte sein fertiges Werk dem König zum Geburtstag. Dieser war erstaunt über das außergewöhnliche Geschenk. Er bemerkte sofort, dass etwas Lebendiges in der Dose war. Er lauschte: "Vater, Vater, ich bin es, deine Tochter, die Prinzessin von Klunkerstein!" Der König erschrak sehr, fragte aber dann: "Beantworte mir drei Fragen, dann will ich dir glauben! Erstens: Was ist auf unserem Familienwappen abgebildet? Zweitens: Wie heißt dein Lieblingspferd? Drittens: Wie sieht deine Lieblingshaarspange aus?" Die Prinzessin in der Dose antwortete ohne zu zögern: "Auf unserem Familienwappen ist ein goldener Drachen, mein Lieblingspferd ist der Schimmel Amadeus und meine Lieblingshaarspange ist rot mit einem Diamanten in der Mitte." Der König war nun sicher, dass in der Dose seine Tochter war. Er wollte sie sofort befreien, konnte das Gefäß aber nicht öffnen. Nach vielen Versuchen wollte er schon zu Tode betrübt aufgeben. Er stotterte vor Aufregung: "Wie bist du da hineingekommen?" Die Stimme der Prinzessin piepste:" Eine Fee hat mich verzaubert!" In diesem Augenblick meldete sich die gute Fee bei ihm: "Deine Tochter kann nur befreit werden, wenn ein Jüngling ihres Alters kommt und die Dose öffnet."

Der König wollte auch noch wissen, warum sein Liebling überhaupt verzaubert wurde. Darauf antwortete die Fee: "Deine Tochter ist ein eitles, hochnäsiges und geiziges Ding, das eine heilsame Lektion brauchte." Damit verschwand sie.

Sofort ließ der König im ganzen Reich bekannt geben, dass derjenige seine Tochter zur Frau erhalten sollte, der ihr die Freiheit schenkte.

Sogleich erschienen 3 Königsöhne aus den angrenzenden Ländern, um ihr Glück zu versuchen. Danach wurden weitere 3 Männer im richtigen Alter vorgelassen. Doch es gelang keinem, die Prinzessin zu befreien.

Zuletzt machte sich der arme Müllersohn Johannes auf den Weg. Er dachte bei sich: "Auch ich will mein Glück versuchen, was kann ich schon verlieren." Gesagt, getan. Er ritt mit seinem Esel den anderen Jünglingen folgend zum Schloss. Auf seinem langen Weg nahm er Kälte und Hunger auf sich und kam endlich zerlumpt und hungernd an.

Die Diener wollten ihn nicht vorlassen. Auch der König war nicht erfreut. Doch dann dachte er an seine Tochter, die noch immer kleiner als sein eigener Daumen in der Dose steckte, und überwand seine Abscheu vor dem Elend. Er ließ den Müllersohn ein. Dieser drehte nur ganz kurz und leicht an der Dose und schon sprang der Deckel mit einem Ruck auf. Johannes setzte die Prinzessin vorsichtig auf seine Hand und danach auf das seidene Thronkissen. Im gleichen Augenblick wuchs sie wieder zu ihrer natürliche Größe. Glücklich umarmte sie ihren Vater. In diesem Moment sprach die gute Fee mit zarter Stimme: "Hoffentlich hast du deine Lektion gelernt!" Rot vor Scham wandte sich die Prinzessin an ihren Retter und dankte ihm schüchtern. Der König hielt Wort und so wurde ein wunderbares Hochzeitsfest gefeiert, bei dem alle Untertanen des Reiches mitfeiern durften.

Der alte König übergab seine Herrschaft an seine Tochter und deren Gatten. Beide regierten nun mit Fürsorge und Großzügigkeit. Nicht lange blieben Johannes und seine Frau alleine, denn sie bekamen viele Kinder. Alle lebten glücklich und froh, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.