Wenn die Seele aus dem Fenster fliegt

Janett Maaß (G 9d)

Ich kann nicht mehr. Bald hat er es geschafft, die Luft zum Atmen geht mir aus, die Kraft, verlässt mich. Ich muss weiter laufen, ich muss... Doch da falle ich erschöpft auf den harten Asphalt, er zerrt mich aus dem Lichtkegel der Straßenlaterne in das mit scharfen Dornen besetzte Gebüsch. Keuchend liege ich unter ihm, er zerreißt rücksichtslos mein T-Shirt, seine Fingernägel zerkratzen dabei meinen Oberkörper und die harten Zweige, auf die er mich drückt, bohren sich in meinen Rücken. Ich zittere, als er ungeduldig meinen Rock hinaufschiebt, doch ich wehre mich nicht mehr, habe schon aufgegeben. Ich befinde mich in einem tranceartigen Zustand, spüre den Schmerz, den er mir zufügt, Gott sei Dank nicht. Ich würde es sicher nicht aushalten, wenn ich merken würde, wie er schnell, erbarmungslos und hastig in mich eindringt, nur um egoistisch seine Bedürfnisse zu befriedigen. Als er von mir ablässt, laufen Tränen über meine Wangen, doch ich kann nichts sagen, ihm den Hass, den ich für ihn empfinde, nicht durch Schreie verdeutlichen und nicht einmal um Hilfe rufen. Erleichtert atme ich auf, als er eilig wegläuft. Schluchzend versuche ich, aufzustehen, doch nach einigen vergeblichen Versuchen breche ich völlig entkräftet zusammen. Ich fühle mich schmutzig, doch ich bin ja selbst schuld, musste ja unbedingt den kurzen Rock anziehen und hätte es wissen müssen. Mir ist schlecht, ich muss mich übergeben. Anschließend schaffe ich es endlich aufzustehen und wanke benommen nach Hause.

Die nächsten Wochen sind schrecklich. Ich fühle mich weder tot noch lebendig, nehme Beruhigungsmittel, damit das Zittern nicht so stark ist und ich schlafen kann, doch niemand hat etwas bemerkt. Sowohl in der Klasse, in der ich sowieso ein Außenseiter bin als auch zu Hause, wo ich eigentlich jedem egal bin. Ich verschlafe häufig, bin wach und doch ohnmächtig und unfähig, banale Dinge zu erledigen. Seit kurzem ist mir morgens schlecht, das macht mir furchtbare Angst, denn was soll werden, wenn ich jetzt auch noch... Ich darf gar nicht daran denken, denn ich weiß nicht, was ich dann tun würde, ich habe doch niemanden, mit dem ich über alles sprechen kann!

Als ich wieder aufwache, finde ich mich in einem weiß getünchten Raum wieder, die Bettwäsche ist ebenfalls weiß, neben dem unbequemen Bett befindet sich ein Tisch, auf dem eine Teekanne steht. Durch das große Fenster fällt helles Licht in den kalten Raum, viel zu hell für meinen Geschmack. Ich schließe meine Augen lieber wieder und versuche mich zu entsinnen, weshalb ich hier liege. Langsam kehrt die Erinnerung in meinen dröhnenden Kopf zurück, der Schwangerschaftstest... er war positiv... ich konnte es doch nicht behalten, oder? Ich hätte ihm nicht genügend Liebe geben können, es wäre nicht glücklich geworden... Mir steigt Tränenwasser in die Augen, wie konnte ich nur so unverantwortlich handeln? Jeder Mensch hat das Recht zu leben, wie konnte ich mir erlauben, über das Leben dieses Kindes zu entscheiden?! Oh mein Gott, ich habe mein Kind töten lassen. Plötzlich kommt die Schwester herein, fragt routiniert wie es mir geht, obwohl es sie sicher nicht interessiert. Als sie bemerkt, dass ich weine, greift sie in die große Tasche ihres weißen Schwesternkittels, nimmt aus einer schäbigen, alten Pillendose eine Tablette und überreicht sie mir. Ich kenne dieses Medikament, es ist dasselbe Beruhigungsmittel, das ich in letzter Zeit eingenommen habe. Sie gießt mir etwas Tee in eine Tasse, ich schlucke die Pille, trinke ihn und sie verlässt mein Zimmer. Schon nach kurzer Zeit dreht sich alles um mich herum, die Gedanken wirbeln in meinem Kopf umher: die Vergewaltigung, das Gefühl der Äste, die sich in meiner Haut vertiefen, der blaue Streifen auf dem Test, das Baby... Langsam gehe ich zum Fenster und öffne es - ich brauche frische Luft. Auf einmal fällt mir etwas ein, dass ich vor kurzem gelesen habe: Die Seele Verstorbener fliegt nach dem Tod aus dem Fenster, um in den Himmel aufzusteigen, an einen besseren Ort. Wieder dreht sich alles, ich beuge mich aus dem Fenster, um nach oben zu sehen. Vielleicht kann ich die Seele meines Kindes noch einholen, ich muss es versuchen, ich kann nicht anders als ihm zu folgen ...