Winterlicht

Sabrina Heldmann (G9a)

"Komm schon, träum nicht, Natascha!" Die Stimme meiner Mutter riss mich aus meinen Gedanken. Innerlich seufzend nahm ich ihr den Teller ab, den sie mir entgegenhielt, wischte ihn mit dem Geschirrtuch ab und stellte ihn anschließend auf den Küchentisch. Währenddessen warf ich einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Es wurde immer früher dunkel, die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. "Papa kommt!", rief ich, als ich seine Gestalt auf unser Haus zukommen sah. Er besaß ein einträgliches Geschäft in Muzzaffarabad, der Stadt im Norden Pakistans, wo wir wohnten. Schon waren seine Schritte auf der Treppe zu hören. Ich lief zur Tür und begrüßte ihn stürmisch. "Hast du auf mich gewartet?", fragte er verwundert. "Schau mal, was ich geschrieben habe!" Er besah sich die sorgfältig ausgeschriebenen englischen Wörter. "Das ist ja toll! Du wirst immer besser!" Ich fühlte mich richtig glücklich angesichts seines Lobes.

"Ja, schon ... ja ... hör mal, Kari, ich muss jetzt aufhören. Es gibt gleich Essen. Ja, also tschüss, bis morgen!" Ich drückte den roten Knopf meines Handys und beendete das Gespräch mit meiner besten Freundin. Langsam stand ich auf und ging hinunter ins Wohnzimmer. Ich hörte meine Eltern in der Küche miteinander reden. Mein Vater beklagte sich mal wieder über irgendeinen Politiker. Ich seufzte. Natürlich, Papas Lieblingsthemen: Arbeitslosigkeit, Gesundheitspolitik, Rentenniveau. Als ich in die Küche kam, blickte Mama auf. "Hi Jessi, wir können gleich essen. Deck doch bitte den Tisch, ja?" Wortlos machte ich mich an die Arbeit, während Papa sich über die korrupten Industriemanager hier in Deutschland ausließ. Selbst beim Abendessen redete er noch ununterbrochen. Ich stocherte lustlos im Essen herum. Das fiel sogar meinem Vater auf. "Wie war's eigentlich in der Schule?", fragte er mich so nebenbei. "Ging so", murmelte ich, und schon hatte er sich wieder den Managern zugewandt. Schließlich räumte ich meinen Teller auf und lief zurück in mein Zimmer. Einen kurzen Moment zögerte ich, doch dann griff ich wieder nach meinem Handy. Kari hörte einfach so gut zu ...

Gedankenverloren blätterte ich in meinem Buch. Als meine Mutter in die Küche kam; blickte ich auf. Sie war beim Einkaufen auf dem Markt gewesen. "Hilf mir doch bitte beim, Auspacken, Natascha", bat sie mich. Natürlich half ich ihr, ich hatte ja nichts zu tun. Ab heute war die christliche Schule, auf die ich ging, geschlossen, und das den ganzen Winter lang, denn Unterricht im nicht beheizten Schulgebäude war schlichtweg unmöglich. Ich bedauerte dies, denn so lag der kommende Winter wie eine Durststrecke der Langeweile vor mir. Eine Gänsehaut überlief meine Arme; das Fenster stand offen und ein weiterer Schwall kalter Luft schwappte herein. Schnell schloss ich es. Auch jetzt zitterte ich noch ein wenig. Doch konnte man denn so sehr zittern? Nein, das war nicht ich, sondern - der Boden wackelt! Es war der Boden, und es wurde immer schlimmer! Das Geschirr klirrte, das gekaufte Obst rollte vom Tisch, ein Stuhl fiel krachend um, ... "Mama...", schrie ich. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten und klammerte mich am Tisch fest. Da stürmte mein Vater in die Küche. "Raus!", brüllte er. "Nehmt eure Jacken und Schuhe und lauft! Raus hier!" Seine Stimme überschlug sich; die Panik, die in seinem Schrei mitklang, übertrug sich auch auf mich. Ich warf mich herum und lief zur Garderobe, wo ich meinen Mantel vom Haken riss und hastig die Schuhe überstreifte. Fast wäre ich auf der Treppe gestürzt; der Boden schwankte so sehr. Die Straße vor unserem Haus war überfüllt mit kreischenden, schreienden Menschen, Kinder weinten, die Leute stießen sich gegenseitig aus dem Weg. Die Menschen rissen mich mit, trieben mich in eine Richtung, die ich nicht mehr definieren konnte. Ich stolperte über eine am Boden liegende Gestalt, ein junger Mann. Die Menge musste ihn niedergetrampelt haben, offenbar lebte er nicht mehr. Ich lief mit der Masse mit, die durch die Straßen stürmte, wie eine in Panik geratene Viehherde. Die Angst vernebelte meine Sinne, ich bemerkte meine Schreie nicht mehr, auch nicht, dass ich Menschen in meinem Weg grob zur Seite stieß und über bereits Hingefallene hinweglief. Häuser stürzten ineinander zusammen, Teile von Fassaden erschlugen die Unglücklichen, die am Rand der Straße liefen. Ich hatte schon längst jegliches Zeitgefühl verloren, als das Zittern einen weiteren Höhepunkt ereichte und wieder abschwächte. Ich rannte immer weiter, stolperte, fiel hin, rappelte mich wieder auf, stolperte, ... Die Schreie vermischten sich zu einem einzigen schrillen Sirren. Meine Kräfte verließen mich beinahe, ich zwang mich weiterzulaufen, egal wohin, Hauptsache weg, irgendwie ... entkommen! Entkommen vor etwas, vor dem es kein Entkommen gab. Schließlich ließ das Grollen nach, wurde immer schwächer und ebbte schließlich ganz ab. Ich zitterte wieder, diesmal vor Erschöpfung. Ich lief aus der Menge hinaus, in eine breite Seitenstraße. Meine Knie gaben unter mir nach. Ich sackte zusammen, ließ mich fallen, wollte nie wieder aufstehen. Es ist vorbei! - war der einzige Gedanke, den ich noch fassen konnte. Vorbei! Alles! Ich blieb liegen, atmete schwer, schloss die Augen, bis ich wieder klar denken konnte. Was war geschehen? Ich hörte Stimmen. Wieso hatte der Boden geschwankt? Jemand ging an mir vorbei. Was war los? Und plötzlich ordneten sich meine Gedanken. Der Boden hatte geschwankt - ein Erdbeben! Die Trümmer, in denen ich lag - Zerstörung, überall! Die Menschen, die durch die Straßen rannten - Panik, die sich ausbreitete! Und ich lag hier, und ich hatte überlebt! Ich lebte! Doch diese Erkenntnis ließ mich völlig kalt, es kam mir vor, als beträfe sie mich gar nicht. Ich lag hier und stand gleichzeitig neben mir. Ich sah mich hier liegen, ein dreizehnjähriges Mädchen, und fühlte mich gleichzeitig ungleich älter, als verstünde ich das hier alles - dabei verstand ich gar nichts! Und ich war allein. Wo waren meine Eltern? Ich musste sie suchen, sie machten sich mit Sicherheit Sorgen. Mühsam versuchte ich aufzustehen, doch vergeblich; erst beim fünften Versuch schaffte ich es, mich überhaupt aufzusetzen und mich an eine Mauer zu lehnen. Schließlich, nach unglaublich langer Zeit, konnte ich endlich aufstehen.

Gähnend stellte ich den Fernseher ab. Die allabendlichen Talkshows nervten mich nur. Wenigstens war heute Samstag, da konnte ich morgen noch ausschlafen und musste nicht in die Schule. Ein wenig steif vom langen Sitzen ging ich hinunter, um mir ein paar Plätzchen zu holen, die meine Mutter bereits jetzt nahe an der Hysterie gebacken hatte. Meine Eltern saßen im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Gerade liefen die Nachrichten. Ich blieb einen Moment stehen, als Bilder eines völlig zerstörten Dorfes eingeblendet wurden. "Heute, am 08.10.2005 um 8.52 Uhr Ortszeit suchte ein Erdbeben in Pakistan die Region um die Provinzhauptstadt Muzzaffarabad heim", drang die schon beinahe gelangweilte Stimme des Moderatoren aus dem Lautsprecher. Dabei sprachen die Bilder eine ganz andere Sprache. Mir verschlug es beinahe den Atem, als das Bild eine Sammelstation zeigte, wo Verletzte auf provisorischen Schlafmatten lagen. "Schrecklich", hauchte ich. "Ja, ja ...", meinte mein Vater so nebenbei. Doch dann kam ein Thema, das eher nach seinem Geschmack war: Politik. Ich machte mich schnell davon, um seinem sogleich folgenden Sermon zu entgehen.

Meine ersten Schritte hatten mich zum Haus meiner Eltern geführt. Wie fast alle Gebäude in der Umgebung war es vollkommen zerstört. Tränen verschleierten meine Sicht. Ich versuchte, ein paar Steinbrocken auf die Seite zu wälzen, um vielleicht etwas Brauchbares zu finden, jedoch ohne Erfolg. Ich kletterte deshalb auf den Berg von Schutt. Unsicher stapfte ich weiter durch die Trümmer, die unter meinen Füßen nachgaben und wegrollten. Plötzlich rutschte mein Fuß in eine Spalte. Ich sog erschrocken die Luft ein, als ich zu Boden gerissen wurde. Benommen rappelte ich mich wieder auf. Doch plötzlich rutschten einige Brocken hinter mir ab und gaben den Blick auf einen Hohlraum frei. Unsicher beugte ich mich vor und versuchte, in dem Dämmerlicht etwas zu erkennen. Ich konnte die Überreste eines Tisches ausmachen. Daneben lag eine Tüte. Vorsichtig fischte ich sie heraus. Mein Herz machte einen Sprung, als ein Brot und mehrere Äpfel herausfielen. Essen! Wenn ich sparsam damit umging, konnte es für ein paar Tage lang reichen. Ein kalter Windstoß fegte über mich hinweg. Besorgt blickte ich zum Himmel. Wenn es jetzt Schnee gab ... Ich brauchte einen Unterschlupf. Ich sah mich um. Mein Blick fiel auf die kleine Holzhütte in unserem Garten. Sie war, abgesehen von einigen kleineren Steinen die das Dach durchschlagen hatten, nicht beschädigt worden. Sie war mehr als nur geeignet ... Ich seufzte. Das alles war vor vier Tagen gewesen. Bis jetzt hatte ich meine Eltern nicht gefunden. Von Tag zu Tag war es immer kälter geworden, und erst gestern waren die Hilfskräfte eingetroffen. Die Verzweiflung aller Menschen lag wie dichter Nebel über der Stadt. Heute Morgen hatte ich gehört, wie zwei Männer von einer Sammelstation gesprochen hatten, die etwa einen Tagesmarsch entfernt lag, in südwestlicher Richtung. Offenbar hatten sich schon viele auf den Weg dorthin gemacht. Auch ich überlegte, dorthin zu gehen. Vielleicht fand ich meine Eltern ja dort.

Natürlich sprachen wir auch in der Schule über das Erdbeben. Unsere Lehrerin schlug vor, Geschenkpakete zusammenzustellen und in das Gebiet zu schicken. "Habt ihr Vorschläge, was man in die Päckchen tun könnte?", fragte sie. Ich seufzte. Das musste man doch nicht besprechen, so klein waren wir doch auch nicht mehr. Trotzdem machten einige Vorschläge: "Kleidung." "Süßigkeiten." "Kuscheltiere." Auch ich überlegte. Und da fiel mir etwas ein. Beinahe unwillkürlich meldete ich mich. "Etwas, das Hoffnung macht. Eine Kerze vielleicht." Ein paar in der letzten Reihe kicherten leise. "Ja, warum nicht?", begehrte ich auf. "Viele dort haben alles verloren und brauchen etwas, das ihnen neuen Mut gibt." Trotzig verschränkte ich die Arme und lehnte mich in meinem Stuhl zurück.

Ich kniff angestrengt die Augen zusammen. Der kalte Wind blies mir schneidend entgegen. Ich warf einen letzten Blick auf meine zerstörte Heimat und zog meinen Mantel enger um den Körper. Es würde bald den ersten Schnee geben, doch ich hoffte, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unterwegs zu sein. "Kommst du?", fragte mich Fatima. Ich hatte mich ihr und ihren drei Kindern auf dem Weg zur Station angeschlossen. Schon nach einer Stunde schmerzten meine Füße. Wir kamen an ausgestorbenen Dörfern vorbei, und an auffällig vielen Grabstätten. Am Nachmittag machten wir eine Rast. Fatima reichte ihre letzte Schachtel Butterkekse unter ihren Kindern herum und bot sie schließlich auch mir an. Mit einem Blick auf die Kinder lehnte ich kopfschüttelnd ab. Als wir wieder aufbrachen, hatten sich die Wolken noch mehr verdichtet. Wenig später spürte ich die erste Schneeflocke an meiner Wange. Ich hatte Schnee sonst immer gemocht, doch nun war er der Todesbote, der einem die letzten noch verbliebenen Kräfte raubte. Bei Nacht waren Temperaturen von Minus fünfzehn Grad nichts Ungewöhnliches. Vor allem Alte und Kinder erfroren so leicht im Schlaf. Man wusste nie, ob man am nächsten Morgen noch aufwachen würde. Den Winter überstand man nur mit einem Dach über dem Kopf unbeschadet. Der Schnee fiel immer dichter, je länger wir unterwegs waren, und der heftige Wind trieb ihn uns unbarmherzig ins Gesicht. Es dämmerte bereits, als schließlich das erste Zelt der Station hinter einem Hügel auftauchte.

Zuhause begann ich sofort zu packen: Ich suchte ein Paar Handschuhe und einen Schal aus dem Schrank und legte sie mit einem kleinen Block und Stiften in einen Schuhkarton. Kurz zögerte ich, doch dann packte ich noch ein kleines Stoffhäschen mit hinein. Ich überlegte. Trotz stieg in mir auf, als ich an die Situation in der Schule dachte. Und dann nahm ich eine noch nicht gebrauchte Kerze vom Fensterbrett und legte sie neben das Häschen.

Mich fröstelte. Ich stand etwas abseits vom Gedränge um die beiden Männer aus Europa, die Weihnachtspäckchen verteilten. Wir waren schon seit Wochen in der Station. Ich hatte meine Eltern nicht gefunden und hatte auch keine Hoffnung mehr, sie jemals wiederzusehen. Fatima hatte sich meiner angenommen. Wir wollten zurück in die Stadt, sobald es wieder wärmer wurde. Durch ein Loch in der Menge sah ich Fatimas Tochter Sahra, die gerade ihr Päckchen erhielt. Ich beobachtete, wie sie mit dem jungen Mann redete und noch ein zweites bekam. Dann lief sie auf mich zu. "Frohe Weihnachten!", rief sie und drückte mir eines davon in die Hand. "Vie ... Vielen ... Dank", stotterte ich. "Dir auch frohe Weihnachten!" Ich umarmte sie und ging mit ihr zu Fatima zurück. Wir setzten uns in ihr Zelt, um auszupacken. Während die Kinder ihre Pakete mit großem Jubel öffneten, hob ich den Deckel meines Kartons andächtig ab. Handschuhe und ein Schal waren darin, ein Kuscheltier, ein Block und Stifte, eine Kerze und eine Packung Streichhölzer. Ich blickte die Kerze an. Früher hatten wir zu Weihnachten viele Kerzen aufgestellt. Vorsichtig setzte ich sie auf den Boden und zündete sie an. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich bemerkte nicht, dass die anderen verstummt waren. Vielleicht konnte ich es ja schaffen, dass alles wieder gut würde. Fatima kam auf mich zu und schloss mich in die Arme. Ich kuschelte mich an sie. Ja, ich hatte Menschen gefunden, denen ich vertrauen konnte und alles würde wieder gut werden. Ich glaubte einfach daran.