Winterpracht

Stefanie Spiegel (G8b)

Weit oben in den Wolken, wo die Luft eiskalt ist und nicht mehr genug Sauerstoff zum Atmen bietet, gefrieren viele feine Wassertröpfchen. Von dort oben machte sich eine kleine weiße Flocke auf ihren beschwerlichen Weg zur Erde.
So als würde sie auf Zehenspitzen schleichen, tänzelte sie aus der Wolke. Ohne auch nur einen Laut zu verursachen, schwebte sie Räder schlagend durch die Luft.
Im Licht der untergehenden Sonne erschien der Kristall in einem sanften Orange und wirkte gar nicht mehr so kalt. Sogar die Wolken reflektierten das Sonnenlicht und tauchten die Umgebung in stimmungsvolles Lichtspiel. Um so weiter der Himmelsstern hinter dem Horizont verschwand, um so mehr verdunkelte sich auch sein Schein, bis das Schimmern den Eiskristall fast wie einen Rubin wirken ließ. Mit dem letzten Sonnenstrahl, den er auffing, nahm er wieder seine weiße Farbe an.
Ein letzter Blick zurück verriet der Flocke, dass sie schon einige Meter von den Wolken entfernt war und dann immer mehr und mehr. Schließlich war sie so weit, dass sie nicht einmal mehr von einem sehr kräftigen Windstoß zurückgetragen werden könnte.
Der kleine Eiskristall fiel weiter auf seinem Weg zum Boden, immer mit dieser einen Frage als Begleiterin: Wo werde ich wohl landen?
Die weiße Flocke malte sich ihr Ziel in den prächtigsten Farben aus.
Ob es wohl ein Garten mit spielenden Kindern sein wird?
Ob sie wohl einmal Teil eines großen Schneehaufens sein wird?
Eines Schneemanns oder einer großen Rutschbahn vielleicht?
So viele Möglichkeiten kamen in Frage und der Kristall mochte es sich nicht aussuchen müssen. Insgeheim hatte er aber eine sehr genaue Vorstellung, wo er landen wollte.
Also ließ er sich weiter vom Wind in seine Richtung tragen, stets wohl darauf bedacht, nicht zu schmelzen. Wann immer der Wind ihn zu schnell hinfort trug, drehte er sich quer in dessen Bahn und wurde im darauffolgenden Manöver in einem eleganten Salto rückwärts wieder auf seine Flugbann gesetzt. Es war herrlich, so auf dem Wind zu reiten, ein Gefühl von absoluter Freiheit, und doch dankte der Eiskristall es dem leichten Sturm, als er ihn schließlich so weit getragen hatte, dass er von da ab senkrecht nach unten fiel und sich sein Weg nur noch unwesentlich ändern würde.
Ein leichter Windhauch kitzelte ihn an der Seite. Er trug die Flocke direkt über einen großen Marktplatz. Sie schwebte immer tiefer. Zuerst war sie auf einer Höhe mit der Spitze des großen Weihnachtsbaums, der aufgestellt worden war, und sie verlor sich fast in dem wunderbaren Anblick der glänzenden und glitzernden Kugeln, als sie langsam bemerkte, dass sie immer noch fiel. Weiter zog sie die Schwerkraft in Richtung Boden und sie befand sich letzten Endes direkt über einem Waffelstand.
Der Kristall war nicht etwa enttäuscht, dennoch hätte er sich etwas Schöneres vorstellen können, als auf einem Dach zu landen. Er beschied sich damit, sich die schönen Seiten auszumalen, von hier oben konnte er schließlich prima alles beobachten. Eigentlich wünscht er sich jedoch nichts mehr, als an einem anderen Ort zu landen und dieser Wunsch sollte ihm gewährt werden. Nur wenige Zentimeter über dem Dach wurde der Eiskristall von einem Windhauch, kaum stärker als das Pusten eines Kindes, erfasst. Dieser trug die kleine, weiße Schneeflocke über eine der Gassen, wo sie schließlich ganz langsam landete und nur Augenblicke später zu Wasser zerschmolz.

Es ist Winter geworden. Die Menschen auf den Straßen hasten nur so durch die vielen Läden, um in letzter Minute Geschenke zu kaufen. Mit hochroten Wangen stehen sie in kleinen Gruppen an Tischen vor Ständen, hinter denen die alljährlichen Glühwein- und Waffelverkäufer stehen. Es ist der 23. Dezember und noch immer ist kein Schnee gefallen.
Der Boden ist längst zugefroren und es hat auch einige Minusgrade, aber dennoch lässt die weiße Winterpracht auf sich warten.

Ein kleiner Junge springt aufgeregt vor einem Waffelstand auf und ab und wartet darauf, dass seine Mutter eine Waffel für ihn kauft. Fröhlich lachend schaut er zum Himmel hinauf und sieht voller Verwunderung einen kleinen weißen Punkt über sich. Überrascht und neugierig stellt er sich ganz ruhig auf seine Füße und legt den Kopf schief. Er beobachtet, wie der Punkt langsam ein bisschen größer wird und direkt auf ihn zukommt. Dann landet etwas Eisigkaltes auf seiner Nasenspitze und schmilzt sofort wieder. Es dauert kurz, dann beginnt der Junge zu lachen und beobachtet wie immer mehr dieser Punkte folgen und neben ihm herunterfallen. Mit glänzenden Augen und voller Freude ruft er laut zum Waffelstand: "Mami schau, es schneit!"