Liebe?
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Amberger Nachrichten (Mittelbayerische Zeitung), Dienstag, 10. Oktober 2000

Verliebt, verwirrt, verheult: Das Chaos der Gefühle

Die Jugendkulturtage haben begonnen / Morgen öffentliche Vorstellung von "Erste Liebe" im "Rockdomizil"


Von Mariele Rückert-Schön

AMBERG. Theater auf dem Marktplatz, im Storg-Innenhof, im Museum, der Stadtbibliothek, den Schulen, in einer Modellschreinerei, in der Theatertiefgarage und natürlich im Stadttheater. Die Amberger werden diesbezüglich verwöhnt. Nun hat die Jugend sich für ihre diesjährigen Jugendkulturtage einen neuen Platz erobert: Die Disco. In der Szene, in der sie sich auskennen, in der sich Bekanntschaften entwickeln oder eben die "erste Liebe". So heißt auch das neue Stück vom Jungen Landestheater Bayern, im Rockdomizil hatte es gestern Premiere. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Junge Landestheater ist für Erwachsene sehr zu empfehlen. Mit ihrer Darstellung lässt es eine Menge über die Gefühle der "Youngsters" erfahren, wodurch dann vielleicht die eine oder andere Reaktion besser zu verstehen ist. Wer Interesse hat, der kann am Mittwoch um 20 Uhr zur öffentlichen Vorstellung ins Rockdomizil kommen. Für die Schüler hat Michael Ritz vom Kulturamt und das Team vom Jungen Landestheater bis Freitag täglich um 11 Uhr eine Vorstellung vorgesehen, darüber hinaus bietet das Ensemble vormittags Schulbesuche und am Nachmittag Workshops an.

"Sehr gutes Futter draußen, sehr angenehm, holt sie rein", freute sich der Regisseur Matthias Fischer, als er den riesigen Pulk Schüler vor der Tür des Rockdomizils sah. Aus dem Max-Reger-Gymnasium, dem Dr.-Johanna-Decker-Gymnasium und der Berufsschule waren die Jugendlichen gekommen, drängten in die Diskothek und setzten sich auf Lehnen, dazwischengeschobene Bretter oder Stühle. Dann ging das Licht aus, zu sehen waren im lila Diskolicht nur noch weiße Streifen, T-Shirts oder Blusen und im Scheinwerferlicht die Jungs und Mädels vom Jungen Landestheater. "Seid ihr alle gut drauf", riefen sie in die Menge und stimmten erst mal mit "No woman, no cry" ein.

Da war Sam (Dominique Weise), die sich eigentlich ganz hübsch findet, aber erst durch eine unbedachte Äußerung Freundin und dann auch noch Freund verloren hatte. Obwohl sie gerne Kontakt schließen würde, sitzt sie doch nur traurig herum und lässt alle abblitzen. Auch Josef (Matthias Göß) kann sich nicht so recht outen, obgleich er auf Partys der King ist. Zwischen dem, was er gerne möchte, und dem, wozu der Mut reicht, liegen Welten. Jessi (Jessica Maurer) ist behindert und sitzt im Rollstuhl. Sie fühlt sich hübsch und möchte die ersten zarten Fäden zu den Jungs spinnen. Voll mit seinem Körper zufrieden ist Koni (Koni Bauer), wenngleich es mit den Mädels nicht so gut läuft "Sie hat einfach nur gelacht", lachte er hysterisch, um sofort in Heulen und dann wieder in Gelächter zu fallen. Die Gefühle brodeln: Mal traurig und zurückgezogen, ansonsten ratlos und unsicher oder aggressiv, prahlerisch und zum Platzen gespannt. Aber auch einen Weg zur Versöhnung zeigten die zwölf Schauspieler. Vor den Augen der Jugendlichen spielten sich im Scheinwerferlicht und eindrucksvollen Videoprojektionen Szenen aus dem eigenen Erfahrungsbereich, mit selbst empfundenen Gefühlen ab. Kann jeder Einzelne im wirklichen Leben nur seinen eigenen Horizont erleben, so zeigte sich das Geschehen auf der Bühne eingebunden ins Geflecht der umgebenden Menschen, mit deren Handlungen, Reaktionen und Wahrnehmungen.

Dabei wurde kein Thema ausgelassen. Liebe zu Behinderten, die ersten Annäherungen, Untreue, Onanie, sich mit seinem Körper zurückziehen oder exhibieren, unerwünschtes Bedrängen, Gewalt, Homosexualität, Striptease und auch eine Ledershow fehlte nicht.

Dementsprechend unterschiedliche Reaktionen spiegelten sich in den Gesichtern der Schüler. Von interessiert bis erstaunt, abweisend oder hellem Gelächter. Und natürlich fehlte der Hinweis auf "Früher" nicht. "Wir sind eineinhalb Jahre miteinander gegangen, dann haben wir erst miteinander geschlafen. Das war mein erster Mann und auch noch mein jetziger".




Ursprünglich zugänglich unter folgender Adresse:
http://www.donau.zet.net/cgi-bin/mz/festm.pl?tl=mzarchiv&fn=/MZArchiv/2000/Oct9/001-erste_Liebe-250-576229.htm