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  Gottfried Keller:
Romeo und Julia auf dem Dorfe
Drei Schlüsse und ein Brief

Nachdem wir die Novelle in der Klasse gelesen und besprochen hatten, schrieben die Schülerinnen verschiedene Alternativen zum Original-Schluss. Damit man sich etwa vorstellen kann, wohin diese Texte passen, sind im Folgenden einige Sätze aus dem Original zitiert, die dem neuen Schluss jeweils vorausgehen.
Und hier ist ein Brief an Vrenchen und Sali eingetroffen: An Vrenchen und Sali, Landungsstelle, Seldwyl

KELLERS TEXT:
[...] hier war eine Landungsstelle, wo ein großes Schiff, hoch mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt die starken Seile loszubinden. Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm und rief »Was willst du tun? Wollen wir den Bauern ihr Heuschiff stehlen zu guter Letzt?« - »Das soll die Aussteuer sein, die sie uns geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut gehabt! Sie werden überdies ihr Eigentum unten wiederfinden, wo es ja doch hin soll, und werden nicht wissen, was damit geschehen ist. Sieh, schon schwankt es und will hinaus!«
Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tiefern Wasser. Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch das Wasser gegen das Schiff; aber es liebkoste ihn so heftig ungebärdig und zappelte wie ein Fisch, daß er im ziehenden Wasser keinen Stand halten konnte. Es strebte Gesicht und Hände ins Wasser zu tauchen und rief: »Ich will auch das kühle Wasser versuchen! Weißt du noch, wie kalt und naß unsere Hände waren, als wir sie uns zum ersten Mal gaben? Fische fingen wir damals, jetzt werden wir selber Fische sein und zwei schöne große!« - »Sei ruhig, du lieber Teufel!« sagte Sali, der Mühe hatte, zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich aufrecht zu halten, »es zieht mich sonst fort!« Er hob seine Last in das Schiff und schwang sich nach. [...]



Schluss A


Auf dem Schiff legten sie sich ins Heu und deckten sich auch damit zu. Von dem langen Weg waren sie sehr müde geworden, und so schliefen Sali und Vrenchen Arm in Arm, sich gegenseitig wärmend ein.
Am nächsten Morgen wachten sie schon früh auf. Sie befanden sich in der Nähe einer Stadt, die ihnen völlig unbekannt war. An der ersten Brücke legten sie gleich an, um sich die Stadt anzusehen. Sie kannten dort niemanden, aber als sie über den Marktplatz gingen, kam ein Bauer auf sie zu und fragte, ob sie an einer Stelle als Magd und Knecht auf seinem Hof interessiert wären. Dankbar nahmen sie das Angebot an und nach ungefähr einem glücklichen Jahr dort heirateten sie mit dem Segen des Bauern. Als dieser starb, vermachte er ihnen den Hof, da er keine Nachkommen hatte.



KELLERS TEXT:
[...] Plötzlich fiel Vrenchen etwas ein; es suchte in seinem Brustgewand und sagte: »Ich habe dir noch ein Andenken gekauft, das ich dir geben wollte!« Und es gab ihm den einfachen Ring und steckte ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein auch hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: »So haben wir die gleichen Gedanken gehabt!« Vrenchen hielt seine Hand in das bleiche Silberlicht und betrachtete den Ring. »Ei, wie ein feiner Ring!« sagte es lachend. [...]



Schluss B1


"Es gibt für uns nur eines, Vrenchen", sprach Sali, "wir wollen Hochzeit halten und dann unseren Weg gehen." - "Ich liebe dich, Sali", beteuerte Vrenchen, "und ich möchte gern deine Frau sein. Aber was ist unser gemeinsamer Weg?"
"Es ist gleichgültig, wieviel an Reichtum wir besitzen und wo wir leben, Hauptsache, wir bleiben beisammen. Lass uns dem schwarzen Geiger folgen und gemeinsam unser Glück suchen!"
Vrenchen musste sich nicht lange besinnen - schon willigte sie ein und sie liefen dem schwarzen Geiger nach, um ihr gemeinsames Leben zu beginnen, weit weg von dem Ort, an dem alles begonnen hatte.



Schluss B2


Sie sahen sich tief in die Augen und küssten sich liebevoll. "Vrenchen, lass uns für immer zusammenbleiben und anderswo ein neues Leben beginnen!", schlug Sali bittend vor.
"Das war auch meine Idee, doch ich hatte Angst vor deiner Antwort. Ja, lass uns unseren eigenen Weg gehen und weit weg von hier einen neuen Anfang machen", antwortete Vrenchen.
Sie küssten sich noch einmal und begaben sich auf den langen, beschwerlichen Weg in die ungewisse Zukunft.