GEDICHTE
aus unserer Hälfte des 20. Jahrhunderts:
1950-2000




























Harald Grill, „sorge“

meine wörter sollen durchsichtig sein
wie fensterglas

du mußt durchschauen können
was ich sage

nimm mich beim wort
doch laß es nicht fallen

du könntest zu mir nicht mehr
barfuß kommen



Wir zitieren das Gedicht mit der Erlaubnis des Autors - herzlichen Dank!
Harald Grill, wenn du fort bist: gedichte
(Hauzenberg: edition toni pongratz, 1991), S. 49.
Harald Grill hat eine eigene Homepage und ist dort
auch per e-mail zu erreichen: www.haraldgrill.de.
Seine Dichterlesungen können wir sehr empfehlen!

Das Gedicht von Harald Grill behandelt meiner Meinung nach die Vertrauensfrage in einer Freundschaft. Auffällig sind die Metaphern und Vergleiche, die oft auch doppeldeutig sind. Wenn jemand einen Freund beim Wort nimmt, dieses aber dann fallenläßt, dann bedeutet dies einen Vertrauensbruch; jemanden beim Wort nehmen, heißt, ihn ernst nehmen. Wenn so ein Vertrauen gebrochen ist, dann ist es schwierig, das wieder zu kitten, zu einer Versöhnung zu finden. Da die Wörter "wie fensterglas" sind, aus Glas, stellen sie als fallengelassene Wörter, als Splitter ein Hindernis dar: "barfuß" kann man nicht mehr zusammenkommen - wörtlich genommen, aber auch im übertragenen Sinn; denn es ist keine Vertrautheit mehr möglich, wenn kein Vertrauen da ist.
So wird durch das Gedicht betont, dass mit Freundschaft vorsichtig umzugehen ist.
Nadine Wendel






Christine Busta, „Von der Gerechtigkeit“

Gerechtigkeit ist in der Schürze der Magd,
die abends verlaufene Küken einholt
und nachher am Hoftor das zuckende
Bündel dem Bauern reicht,
obwohl kein Fläumchen des Kissens,
auf dem sie schläft, ihr zu eigen.

Gerechtigkeit ist in der Hand des Hirten,
der zur Kirmes herabsteigt vom Berg
und an der Tafel, den Tänzern
vorbeigeht zur Futterkammer,
um Salz für die Schafe zu holen.

Gerechtigkeit ist im Korn,
das Drusch und Mahlstein erduldet,
die Faust des Bäckers, die finster
glühenden Schächte des Ofens
für den Hunger der Welt.




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Was mich an diesem Gedicht spontan angesprochen und zum Weiterlesen veranlasst hat, war die Formulierung "Gerechtigkeit ist in der Schürze der Magd", die soviel griffiger ist als z. B. "Gerechtigkeit zeigt sich in der Tätigkeit der Magd". Gerade die erste Strophe finde ich sehr provozierend. Denn während Gerechtigkeit etwas sehr Erstrebenswertes darstellt, halte ich es für ganz und gar nicht erstrebenswert, als Besitzlose, der "kein Fläumchen des Kissens, auf dem sie schläft, (...) zu eigen", sich auch noch für das Hauswesen des sozial Bessergestellten selbstlos zu engagieren und die soziale Ungerechtigkeit somit klaglos zu akzeptieren und sogar zu verfestigen. Erst durch die anderen Strophen wird klar, dass "Gerechtigkeit" nicht "Unrecht erdulden" meint, sondern dass es um eine Lebenseinstellung geht, die die Bedürfnisse der Mitmenschen über die eigenen stellt. Der Hirte verzichtet auf die Zerstreuungen der Kirmes und kümmert sich statt dessen zuerst um die Schafe. Dass sich hier nicht ein sozial Schwacher der Ausbeutung durch Stärkere beugt, ist klar. Durch die Hingabe des Hirten, der das Wohl seiner Schafe höher schätzt als sein eigenes Vergnügen, zeigt sich, dass Leben erst möglich wird, wenn wir aufhören, nur an uns zu denken.
Oft sagen wir, etwas sei ungerecht, und meinen damit eigentlich "Es widerspricht meinen Interessen." Oder aber, wir schwingen philosophische Reden über dieses Thema, ohne Gerechtigkeit in unserem Alltag zu verwirklichen. Bei Gerechtigkeit sollte es sich um etwas Selbstverständliches, Natürliches handeln, wie man besonders gut in der letzten Strophe erkennen kann. Denn das Korn entscheidet sich nicht bewusst, den Hunger der Welt zu stillen, es tut es einfach. Diese Gerechtigkeit meint wesentlich mehr als "Ausgewogenheit" oder "Billigkeit", es geht um Abschiednehmen von den eigenen Interessen für das Wohl der anderen. Auch die Bibel betont, dass Opfer für das Leben notwendig ist: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht." (Joh. 12, 24)
Für mich bedeutet das Gedicht eine Aufforderung, nicht ängstlich auf meinen eigenen Vorteil bedacht zu sein, sondern mitmenschlich zu handeln.

Claudia Schlosser






Hermann Otto Thiel, „Das heiß ich leben“

Stark wie ein Baum zu sein,
nicht müde klagen,
blühen im Sonnenschein
und Früchte tragen.

Trotz Sturm und wehem Leid
geduldig bleiben,
und nach der Winterzeit
aufs neue treiben.

Verwurzelt aufrecht steh'n
und höher streben,
nicht kampflos untergehen
das heiß ich leben.





Nach dem Copyright-Inhaber wird im Moment noch gesucht; doch bedanken wir uns im voraus. Wenn jemand die Quelle für das oben zitierte Gedicht kennt, dann bitten wir um eine e-mail - vielen Dank!
In diesem Gedicht beschreibt der Dichter Hermann Otto Thiel,was es für ihn bedeutet,ein Leben richtig zu gestalten. Er vergleicht dabei den Menschen mit einem Baum. Er soll genauso stark sein wie dieser und sich nicht beschweren über jede Kleinigkeit. Wenn es ihm jedoch gut geht, also die Sonne scheint, soll er sich entfalten und etwas Nützliches hervorbringen. In der zweiten Strophe heißt es, dass der Mensch trotz eines schlimmen Schicksalsschlages oder eines anderen Tiefpunktes in seinem Leben geduldig sein soll. Er soll ausharren, bis die schlechten Zeiten vorbei sind, und dann aufs neue versuchen seine Ideen zu verwirklichen, so wie der Baum einem Sturm trotzt und nach dem Winter wieder neu treibt. In der dritten Strophe wird er aufgefordert selbstbewusst zu sein und für seine Ideale einzustehen. Er soll nach Höherem Streben, nicht nur sein kleines Leben sehen und sich nicht von anderen unterdrücken lassen ohne sich zu wehren. Das ist für den Autor das wahre Leben.

Nicole Kirner






Rose Ausländer
„Wer“ | „Noch bist du da“ | „Und“ | „Nachtzauber“|


Wer

Wer wird sich meiner erinnern
wenn ich gehe

Nicht die Spatzen
die ich füttere
nicht die Pappeln
vor meinem Fenster
der Nordpark nicht
mein grüner Nachbar

Meine Freunde werden
ein Stündchen traurig sein
und mich vergessen

ich werde ruhen
im Leib der Erde
sie wird mich verwandeln
und vergessen





Textquelle:
Rose Ausländer, Regenwörter: Gedichte (Stuttgart: Reclam, 1994), S. 102.
Wir zitieren das Gedicht mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Mir persönlich gefällt das Gedicht sehr gut, da es die Ängste beschreibt, die jeder Mensch in seinem Leben einmal hat.
Die Grundangst eines Menschen ist der Tod, doch befasst man sich weiter mit diesem Thema, so gehen einem vielerlei Fragen durch den Kopf. Was ist, wenn ich sterbe, wie sterbe ich, gibt es ein Leben nach dem Tod, und wie fassen Freunde, Verwandte und Bekannte mein Ableben auf? Mit diesem Thema beschäftigt sich auch Rose Ausländer, die gezielt die Ängste eines Menschen beschreibt. Alles ist vergänglich, und so hat auch der Mensch Angst, nach seinem Tod vergessen zu werden, und nicht in der Erinnerung anderer weiterzuleben. In unserer heutigen Single-Gesellschaft plagen viele die Ängste vom Alleinsein und Nicht-geliebt-werden. Jeder lebt sein eigenes Leben und versucht egoistisch und ganz nach eigenem Vorteil das Leben zu meistern. Dabei vergisst man oft die zwischenmenschlichen Beziehungen, die einen großen Teil zum Wohlbefinden eines Menschen beitragen. Man kapselt sich ab und lebt isoliert von der Umwelt. Deswegen erinnert sich kaum einer an die Werte des Menschen nach seinem Ableben. Man hat Angst, dass man nach seinem Tod verwest und dass damit jegliche Spur des menschlichen Daseins verlischt. Geht man aber Kontakte zu den Mitmenschen ein und zeigt man, dass man sie braucht, aber andererseits auch für sie da ist, so wird man als guter Freund in Erinnerung bleiben. Menschen, die man liebt, leben in unseren Erinnerungen weiter, auch wenn die Person schon lange tot ist. Deshalb sollte man sich von den Leuten, für die man nur Mittel zum Zweck ist, distanzieren und sich wahre Freunde suchen, die die Werte der Person erkennen und schätzen, und die einen so akzeptieren, wie man ist.

Anja Neidl





Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast




Textquelle:
Rose Ausländer, Regenwörter: Gedichte (Stuttgart: Reclam, 1994), S. 95.
Wir zitieren das Gedicht mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Mir gefällt dieses Gedicht sehr gut, weil es meiner Meinung nach die richtige Lebenseinstellung vermittelt. Es ruft dazu auf, sein Leben nun, in diesem Augenblick, zu nutzen und nicht aus Angst vor dem vielleicht baldigen Tod sein Leben vorbeirauschen zu lassen. Gleichzeitig erinnert Rose Ausländer aber auch daran, dass das Leben irgendwann zu Ende geht. Sie verdrängt den Tod nicht — und nimmt ihm damit den Schrecken. Diese positiv-realistische Grundstimmung des Gedichtes gefällt mir sehr.

Susanne Dietz





Und

Leider hat uns der Inhaber des Copyrights, die S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, nicht gestattet, diesen Text hier zu zitieren.



Textquelle:
Rose Ausländer, Regenwörter: Gedichte (Stuttgart: Reclam, 1994), S. 62.

Mit ihrem Gedicht will Rose Ausländer darstellen, welche Werte in unserer heutigen Zeit noch übriggeblieben sind — neben den technischen und wirtschaftlichen Fortschritten bzw. Problemen des 20. Jahrhunderts.
Sie nennt unsere Umwelt, die Wiesen und Bäume, und möchte damit vielleicht zeigen, dass durch die Industrialisierung viel Natur zerstört wurde. Allerdings schreibt sie auch, dass es dies alles „noch“ gibt. Das bedeutet, sie hat noch Hoffnung, dass die bisher unzerstörten Gebiete erhalten bleiben.
Mit den Begriffen „Sonnenuntergänge“, „Meer“ und „Sterne“ zeigt das lyrische Ich, dass trotz der Massenmedien die alten Werte noch vorhanden sind. Sie macht dem Leser damit klar, dass es viele andere wichtige Dinge im Leben gibt - außer Arbeit zum Beispiel.
Mit den Zeilen „und das Wort / das Lied“ wird deutlich, dass es wichtiger ist, mit seinen Mitmenschen zu reden und die Probleme des anderen anzuhören, als den ganzen Tag beispielsweise mit TV und PC beschäftigt zu sein.
Am Ende des Gedichtes wird der Mensch genannt. Vielleicht soll damit gezeigt werden, dass der Mensch nicht das wichtigste ist, obwohl die Menschen sich für sehr intelligent halten.

Daniela Braun





Nachtzauber

Der Mond errötet
Kühle durchweht die Nacht

Am Himmel
Zauberstrahlen aus Kristall

Ein Poem
besucht den Dichter

Ein stiller Gott
schenkt Schlaf
eine verirrte Lerche
singt im Traum
auch Fische singen mit
denn es ist Brauch
in solcher Nacht
Unmögliches zu tun





Textquelle:
Rose Ausländer, Regenwörter: Gedichte (Stuttgart: Reclam, 1994), S. 58.
Wir zitieren das Gedicht mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Dieses Gedicht beschreibt auf eine wunderbare und fast unerklärliche Weise den Zauber einer Nacht. In den ersten beiden Strophen versetzt Rose Ausländer den Leser in eine romantische Stimmung, die zum einen dadurch zustande kommt, dass die Nacht mit rötlichem Mondlicht erfüllt ist und von einem angenehmen Luftzug durchweht wird. Zum anderen werden Sterne und Sternschnuppen durch kristallene Zauberstrahlen umschrieben, wodurch sie einen geheimnisvollen Anklang bekommen.
Durch den Besuch eines „Poems“ wird in der dritten Strophe ausgedrückt, dass solch eine Nacht wie eine Muse auf den Dichter wirkt und ihn inspiriert. In der letzten und auch längsten Strophe versinkt die Welt wie durch eine überirdische und unerklärliche Kraft in Schlaf und fängt an zu träumen, da so eine traumhafte Nacht nahezu dazu einlädt. Im Traum sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, und somit ist es einem möglich, Unmögliches zu tun und sogar Fische singen zu lassen.

Simone Meuler





Erich Fried, „Einbürgerung“

weiße Hände
rotes Haar
blaue Augen

weiße Steine
rotes Blut
blaue Lippen

weiße Knochen
roter Sand
blauer Himmel






Bis die Erlaubnis des Copyright-Inhabers bei uns eintrifft, bedanken wir uns im voraus, und nennen hier die Quelle für das oben zitierte Gedicht:
Erich Fried, Gedichte (Stuttgart: Reclam, 1993), S. 35.
Erich Fried, und Vietnam und (Berlin: Wagenbach, 1966).

Das Gedicht von Erich Fried erzählt vom Sterben. Es handelt von der „Einbürgerung“ vom Leben zum Tod. Durch seine Sachlichkeit und die klare Struktur fasziniert und fesselt es. Fried braucht keine großen Worte, um bewegt zu machen. Streng schematisch ist der Aufbau, die Farbadjektive gliedern jede Strophe aufs Neue.
In der ersten Strophe beschreibt das lyrische Ich einen Menschen. Wie zerbrechlich er wirkt, läßt man ihn im Geiste auferstehen, das Gesicht voll des Kontrastes zwischen Haut, Haar und Augen. Das Sterben beginnt schon in der nächsten Strophe: Steine sind kalt, hart und leblos, sie verdrängen formal eine weitere Beschreibung des Menschen, rotes Blut fließt, die Lippen sind blau verfärbt. Ist der Mensch bereits tot oder liegt er in seinen letzten Zügen, so dass sein Atem knapp wird? Später ist bereits alles vorüber. Knochen, ein Skelett liegen im roten Sand und darüber spannt sich der Horizont. Die letzte Zeile birgt fast schon Harmonie, blauer Himmel über der Wüste. Der Mensch wurde, wie der Titel sagt, darin eingebürgert. Es stellt sich die Frage, von wem? Und darauf gibt es viele Antworten: der Staat, die kranke Gesellschaft, der Kreislauf des Lebens selbst ... Themen, die Fried wichtig sind. Letztendlich ist jedoch ein Reiz dieses Gedichtes, dass er in dieser Frage allgemein bleibt, jeder selbst die Antwort darauf finden muss.
Bewegt hat mich die „Einbürgerung“ vor allem deswegen, weil es den Tod als etwas Gleichmäßiges und als etwas Edles beschreibt. Selbst die Schmerzen gliedern sich ein in den Rhythmus des Lebens; welch ein tröstlicher Gedanke.

Gisela Wehrl






Günter Kunert, „Die Sonne scheint. Aus den Fenstern“

Die Sonne scheint. Aus den Fenstern
Des neuen Hauses schauen die Frauen
Auf spielende Kinder. Über den
Himmel fliegt ein Flugzeug, über
Die Gesichter zieht ein Schatten.
Sie erinnern sich.




Bis die Erlaubnis des Copyright-Inhabers bei uns eintrifft, bedanken wir uns im voraus, und nennen hier die Quelle für das oben zitierte Gedicht:
Günter Kunert, Gedichte (Stuttgart: Reclam, 1987), S. 6.
Günter Kunert, Unter diesem Himmel. Gedichte (Berlin [Ost]: Verlag Neues Leben, 1955),
wieder abgedruckt in Erinnerung an einen Planeten. Gedichte aus fünfzehn Jahren (München: Hanser, 1963).

In dem Gedicht geht es um Menschen, die einen Krieg, wahrscheinlich den zweiten Weltkrieg, miterlebt haben.
Am Anfang des Gedichts herrscht Frieden, was man an dem Ausdruck „die Sonne scheint“ erkennen kann. Damit verbindet man meist positive Gefühle, z. B. dass alle Menschen glücklich sind. In den nächsten Zeilen drückt der Dichter aus, wie froh die Menschen sind, dass der Krieg vorbei ist. — Doch dann kommt der plötzliche Wandel: Flugzeuge fliegen über die Stadt, und die Menschen werden an ihre gemeinsamen Erlebnisse, die sie im Krieg erfahren mussten, erinnert.

Susanne Bauer






Walter Helmut Fritz, „Aber dann?“

Das Gedicht steht
in dem Buch?
Schlag auf, lies.
Gut, es hält
einen Augenblick still.
Aber dann?
Siehst du nicht,
wie es sich rührt,
die Seite verläßt,
schwebt, fliegt
und allmählich
unsichtbar wird,
ehe es sich
in dir niederläßt?




Bis die Erlaubnis des Copyright-Inhabers bei uns eintrifft, bedanken wir uns im voraus, und nennen hier die Quelle für das oben zitierte Gedicht:
Marcel Reich-Ranicki, ed., Frankfurter Anthologie: Gedichte und Interpretationen, Band 15 (Frankfurt a. M.: Insel, 1992), S. 233.
Walter Helmut Fritz, Werkzeuge der Freiheit (Hamburg: Hoffmann und Campe, 1983).

Das Gedicht beschreibt sehr schön, wie der Leser ein Gedicht aufnehmen kann. Man liest ein Gedicht anders als beispielsweise einen Roman oder einen Zeitungsbericht, bei denen man Wort für Wort verstehen kann, da das Geschriebene mit dem Gemeinten übereinstimmt. Die Wörter in einem Gedicht schaffen Bilder durch Beschreibung oder Metaphern und so weiter, sie gehen davon aus, dass der Leser beim Lesen Assoziationen hat, die nicht durchdacht sind, sondern spontan und aus dem Bauch heraus entstanden sind.
Das Gedicht wird also als Text gelesen. Man lässt es kurz auf sich wirken und es entwickelt sich ein Gefühl in einem, ohne vielleicht wirklich begriffen zu haben, was das lyrische Ich mit jedem einzelnen Wort meint. Der Text macht sich also selbständig, das Gedicht „verläßt die Seite“, verlässt das Schwarz-auf-Weiß. Das Gefühl, in das sich das Gedicht verwandelt hat, kann vom Leser wahrgenommen werden. Es lässt sich in ihm nieder, findet seinen Platz, angepasst an das Empfinden des Einzelnen.
Der Autor stellt die Frage, die ja auch der Titel des Gedichts ist, sehr zentral und trennt damit den ersten Teil, welcher das wirkliche Geschehnis beschreibt, vom zweiten Teil, der das Imaginäre behandelt. Dass das Wort die Seite zuerst verlässt und sich später „in dir niederläßt“, diese Reise also wird durch die Wiederholung des zweiten Teiles der Worte verdeutlicht. Die Anfangs- und Endfragen umrahmen das Gedicht, veranlassen den Leser, seine gewohnte Sicht zu hinterfragen.

Magdalena Kraft






Kristiane Allert-Wybranietz, „Traurig“ | „was man so sagt“


Wie Glasperlen
hängen Regentropfen
an den kahlen Ästen
der Winterbäume.

Lautlos fallen meine
Tränen
auf den Tisch
im Café,
auf den du mir
zuvor
deine Worte
geknallt hast.

Es regnet.
Mein Kaffee wird kalt.



Nach dem Copyright-Inhaber wird im Moment noch gesucht; doch bedanken wir uns im voraus. Wenn jemand die Quelle für das oben zitierte Gedicht kennt, dann bitten wir um eine e-mail - vielen Dank!
Das Gedicht beschreibt die Situation von jemandem, der im Café sitzt und kurz zuvor Streit mit dem Partner hatte, welcher womöglich sogar zum Ende der Beziehung führte. In der ersten Strophe spricht die Autorin von den Regentropfen der Winterbäume. Durch den Vergleich mit Glasperlen wird deutlich, wie schön und kostbar sie doch sind, wie sehr sie die kahlen Äste der Bäume schmücken und wie vorsichtig man sein muss, damit sie nicht wie Glas zerbrechen. Da Winter ist, haben die Bäume alle Blätter verloren, und nur noch die Regentropfen sind übrig. In der zweiten Strophe überträgt die Autorin die Umwelt auf die Person im Café. Auch diese wurde von jemandem verlassen und fühlt sich jetzt einsam, so kahl wie die Äste ohne Blätter. Tränen fallen von ihrem Gesicht, weil jemand nicht auf ihre Gefühle geachtet hat. Mit der Metapher, dass die Worte auf den Tisch geknallt wurden, wird die Heftigkeit und Wirkung der Worte deutlich, welche für die Person im Café wahrscheinlich unerwartet kamen und alles in ihr zerstörten. Genau auf .diesen Tisch fallen jetzt ihre Tränen, fast so, als versuche sie, die Worte damit wegzuwischen, damit alles wieder so sei wie vorher, so, als sei dieser Streit nie gewesen. Die Tränen fallen lautlos, ganz im Gegensatz zu den Worten, die vorher fielen und einen riesigen Knall auslösten. Nach dieser Strophe folgt der kurze Satz "Es regnet". Wieder greift die Autorin auf die Umwelt zurück. Auch hier fallen jetzt die Regentropfen auf den Boden, doch meist folgt nach Regen oder Gewitter und somit nach Donner wieder Sonnenschein. So wird es auch der Person im Café wieder besser gehen, wenn die Tränen wie eine Last von ihr fallen. Als Abschluss steht wieder ein kurzer Satz, der eigentlich nur eine Nebensache enthält. Meiner Meinung nach könnte man den Kaffee mit dem Herzen der verlassenen Person in Verbindung bringen. So wie der Kaffee kalt wird, wird auch ihre Trauer weniger werden, und die Gefühle für den verlorenen Partner werden abnehmen.

Claudia Szegda






Kristiane Allert-Wybranietz, „was man so sagt“

Als sie lachte,
sagte man ihr, sie sei kindisch.
Also machte sie fortan ein ernstes Gesicht.
Das Kind in ihr blieb,
aber es durfte nicht mehr lachen.

Als sie liebte,
sagte man ihr, sie sei zu romantischl
Also lernte sie, sich realistischer zu zeigen.
Und verdrängte so manche Liebe.

Als sie reden wollte,
sagte man ihr, darüber spreche man nicht.
Also lernte sie zu schweigen.
Die Fragen, die in ihr brannten,
blieben ohne Antwort.

Als sei weinte,
sagte man ihr, sie sei einfach zu weich.
Also lernte sie, die Tränen zu unterdrücken,
sie weinte zwar nicht mehr,
doch hart wurde sie nicht.

Als sie schrie,
sagte man ihr, sie sei zu hysterisch.
Also lernte sie, nur noch zu schreien,
wenn niemand sie hören konnte,
oder sie schrie lautlos in sich hinein.

Als sie zu trinken begann,
sagte man ihr, das löse ihre Probleme nicht.
Sie sollte eine Entziehungskur machen.
Es war ihr egal, weil ihr schon so viel entzogen worden war.

Als sie wieder draußen war,
sagte man, sie könnte jetzt von vorn anfangen.
Also tat sie, als begänne sie ein neues Leben.
Aber wirklich leben konnte sie nicht mehr,
sie hatte es verlernt.

Als sie ein Jahr später sich versteckt zu Tode gefixt hatte,
sagte man gar nichts mehr.
Und jeder versuchte,
leise das Unbehagen mit den Blumen ins Grab zu werfen.






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Das Gedicht „was man so sagt“ soll meiner Meinung nach veranschaulichen, inwieweit die Persönlichkeit eines Menschen durch den Druck des Umfeldes verformt werden kann und sich an die Wünsche des Umfeldes anpasst.
Der Frau, von der das Gedicht erzählt, werden verschiedene Dinge verboten, beispielsweise zu lachen, weil es zu „kindisch“ sei, oder zu lieben, weil dies zu „romantisch“ sei und nicht in die reale Welt passe. Der Charakter der Frau ist nicht stark genug, sich nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu richten. Um die Menschen, die um sie herum leben, nicht zu verärgern, ist sie willenlos, eine Art Marionette, an deren Fäden nur die Umwelt zieht. Sie hat es nie gelernt, eigenständig zu denken.
Dann, als sie schließlich unter dem Druck zerbricht und sich zu Tode fixt, will niemand die Schuld tragen, obwohl jeder versucht, „leise das Unbehagen mit den Blumen ins Grab zu werfen“. Man weiß, dass man sie manipuliert und nach den eigenen Wünschen geformt hat, aber man hat nicht an die Konsequenzen gedacht, nämlich dass die Frau gar keine Gelegenheit hatte, sie selbst zu sein.


Carolin Birner