Joseph von Eichendorff, „Mondnacht“

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.



Das Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff strahlt eine harmonische und beruhigende Stimmung aus. Schon in der ersten Strophe wird der Einklang zwischen Himmel und Erde dargestellt. Es ist sogar mehr als nur Einklang, die Erde scheint frisch verliebt zu sein. Die Erde ist umgeben von dem Glanz des Himmels, der sich auf ihre Blüten herablässt und sie schimmern lässt (erste Strophe).
Obwohl es in der ersten Strophe heißt, dass die Erde anscheinend nur vom Himmel „träumen müßt“, herrscht in der zweiten Strophe keinesfalls eine drückende Stimmung. Im Gegenteil, man spürt Ausgeglichenheit und Zufriedenheit: „Die Ähren wogten sacht“ (Z.6), und der Wind sorgt für die nötige Frische und Leichtigkeit („Es rauschten leis die Wälder, / So sternklar war die Nacht“, Z. 7/8). (zweite Strophe)
In diese Schönheit und Pracht der Natur, indem Himmel und Erde im Einklang miteinander stehen, lässt sich der Mensch, der dies beobachtet, fallen und lässt seine Seele im leichten Wind sacht über die Felder fliegen — nach Haus. (dritte Strophe).

Nina Löb



Das Gedicht „Mondnacht“ beeindruckt mich besonders, da man beim Lesen von dieser romantischen Atmosphäre regelrecht eingehüllt wird und einem das Gefühl gegeben wird, in diese Mondnacht einzutauchen.
Die Nacht steht hier nicht für Bedrohung und Angst, sondern vermittelt das Bild von Ruhe und Zartheit, als würde man beruhigt und voller Vertrauen in den Schlaf sinken. Die Natur beendet den Tag auf eine leise und sanfte Art. So kann auch die Seele die Sorgen des Alltags vergessen und sich öffnen. Die Gedanken sollen frei werden und sich von den Problemen lösen. Es wird deutlich, dass in dieser Stille der Nacht die Kraft liegt, seine Gedanken zu ordnen.
Es ist auch die Rede vom "nach Hause fliegen", eben sich dahin zu begeben, wo man sich wohl fühlt und sich auf das Wesentliche konzentrieren kann.
Ich kann mir gut vorstellen, dass der Dichter dieses Wesentliche, nämlich die innere Zufriedenheit, einmal so in einer Mondnacht empfunden hat.

Helene Coester







Friedrich Hölderlin, „Hälfte des Lebens"

Mit gelben Birnen hänget
und voll mit wilden Rosen
das Land in den See.
Ihr holden Schwäne,
und trunken von Küssen
tunkt ihr das Haupt
ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
es Winter ist, die Blumen, und wo
den Sonnenschein
und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
sprachlos und kalt, im Winde
klirren die Fahnen.


Dieses Gedicht von Hölderlin liegt mir deswegen am Herzen, weil hier jeder — auch der in Gedichtinterpretation Unerfahrene — einen Eindruck von Erhabenheit und Tragik spüren kann. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, was Fritz Strich so gut formuliert hat: »Dies Wunderwerk sprachlicher Darstellung gestaltet in seinen beiden sprachlich so verschiedenen Hälften zwei polar-entgegengesetzte Welten. Im ersten Teil: die selige Erfülltheit der reifen, satten Landschaft, vor der sich der Dichter selbst in seligem Zusammenklang mit der lebendigen Natur empfindet. Im zweiten Teil: die aufsteigende Vision der winterlich erstarrten, kalten, toten Welt, mit der sein eigenes beseeltes Ich nicht mehr zusammenklingen kann.«

Peter Ringeisen