Georg Trakl, „Am Moor“

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.

Aufruhr. In verfallener Hütte
Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
Die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.


Das Gedicht ist dem folgenden Buch entnommen:
Georg Trakl, Das dichterische Werk (München: dtv, 1972).

Georg Trakls Gedicht spiegelt die unheimliche Atmosphäre wider, die man nachts in einem Moor erleben kann. Diese Stimmung wird ausführlich beschrieben und von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet. Der Wanderer, der für mich nicht unbedingt ein Mensch sein muss, sondern auch der Wind sein könnte, der durch das Moor wandert, sieht das so düstere Moor mit all seinen typischen Erscheinungen: trockene Schilfhalme reiben sich aneinander, wilde Vögel ziehen über das dunkle Wasser hinweg. In der zweiten Strophe schlägt die Stimmung um, plötzlich wird alles bewegt: Aufruhr der Geschöpfe der Nacht. Erbarmungslos verbreitet sich da der Geruch der Fäulnis wie die Pest in der morschen Hütte, der Kreislauf der Natur endet in der Verwesung. Die "verkrüppelten Birken" sind dabei erschreckend und faszinierend zugleich, wie sie ihren Kommentar dazu "seufzen". Das Moor, ein Ort, vor dem sich viele Menschen fürchten, birgt trotzdem wunderbare Geheimnisse - wie verwunschene Menschen in einem Märchen steigen die Kröten aus "silbernen Wassern" auf...
Tanja Pösl



Rainer Maria Rilke, „Der Panther (1903 - Im Jardin des Plantes, Paris)“

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.



Das Gedicht ist dem folgenden Buch entnommen:
Rainer Maria Rilke, Gedichte: Eine Auswahl (Stuttgart: Reclam, 1977).

Wie bereits aus dem Titel des Gedichtes zu ersehen ist, handelt es von einem Raubtier. Es ist in einem viel zu engen Käfig eingesperrt und durch den Entzug der Freiheit bereits völlig emotional abgestumpft. So beschreibt Rilke zum Beispiel von der Sicht des Panthers aus, dass die Gitterstäbe des Käfigs an dem Tier „vorübergehen“. Durch diese Personifikation erreicht er, dass sich der Leser die Situation des Panthers besser vorstellen kann: wohin er auch blickt auf der Suche nach Freiheit, er sieht nur Gitterstäbe. Das Tier nimmt zwar ab und zu etwas von seiner Umgebung wahr, doch er nimmt es nicht richtig auf, es „hört im Herzen auf zu sein“.
Mit dem Gedicht gelingt es Rilke meiner Meinung nach sehr gut, dem Leser nahezubringen, wie der Panther in dem engen Käfig leidet. Dies wird sowohl durch die ausdrucksstarken Formulierungen (z. B. „im allerkleinsten Kreise“, „Tanz von Kraft“) unterstützt als auch durch die Wiederholung der „tausend Stäbe“.
Melanie Fruck




 

Herrmann Hesse • „Nocturne“ | „Wenn aus bedecktem Himmel...“


Herrmann Hesse, „Nocturne“

Chopins Nocturne Es-dur. Der Bogen
Des hohen Fensters stand voll Licht.
Auch deinem ernsten Angesicht
War eine Glorie angeflogen.

In keiner Nacht hat so mich wieder
Der stille Silbermond berührt,
Daß ich im Innersten verspürt
Unnennbar süß ein Lied der Lieder.

Du schwiegst. Auch ich; die stumme Ferne
Verrann im Licht. Kein Leben war
Als nur im See ein Schwänepaar
Und über uns der Lauf der Sterne.

Du tratest in den Fensterbogen,
Um deine ausgestreckte Hand
War dir vom Mond ein Silberrand
Rund um den schmalen Hals gezogen.



Nach dem Copyright-Inhaber wird im Moment noch gesucht; doch bedanken wir uns im voraus. Wenn jemand die Quelle für das oben zitierte Gedicht kennt, dann bitten wir um eine e-mail - vielen Dank!
Dieses Gedicht von Herrmann Hesse beschreibt eine gewisse einzigartige Stimmung einer besonderen Nacht. Diese wird mit einem Nocturne von Chopin verglichen. Es ist nicht nur ein Gefühl, das dieses Besondere ausdrückt, sondern mehrere, ähnlich verschiedenen Melodieteilen eines Liedes, die zusammen ein Ganzes ergeben. Der Fensterbogen steht „voll Licht“, dem „ernsten Angesicht / War eine Glorie angeflogen“, der Erzähler spürt in seinem Innersten „süß ein Lied der Lieder“; „Kein Leben war“ außer Schwänen und Sternen, die vorkommende Frauengestalt wird vom Mond in Silberlicht getaucht. Helligkeit und Leuchten, etwas weniger Ernsthaftigkeit, innere Erregtheit, angenehmes Schweigen und Romantik werden in diesen Worten deutlich.
Ein Lied des Lichtes, des Strahlens, Leuchtens, Scheinens, Glänzens und des Hellseins, ein Erfülltsein mit Licht und mit der Stimmung dieser Nacht. In vier Strophen, die aus umarmenden Reimen besteht, beschreibt Hesse sehr eindrucksvoll und vielfältig diese Einzigartigkeit in allen Einzelheiten, was mir sehr gut gefällt.
Ich habe dieses Gedicht vor allem deswegen ausgewählt, weil es ein Musikstück in Worten ist, genauso ausdrucksvoll wie z. B. Chopins «Nocturne» auf dem Klavier gespielt wirken kann.
Katja Stiegler



Herrmann Hesse, „Wenn aus bedecktem Himmel...“

Wenn aus bedecktem Himmel ein Sonnenstrahl
in eine trübe Gasse fällt,
so ist es einerlei, was er trifft:
die Flaschenscherben am Boden,
das zerfetzte Plakat an der Wand
oder den blonden Flachs eines Kinderkopfes,
er bringt Licht, er bringt Zauber.
Er verwandelt und verklärt.



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Herrmann Hesse misst dem Sonnenstrahl einen sehr großen Wert bei. Er wirkt auf den Leser wie etwas Übernatürliches. Der Sonnenstrahl schafft es, zwischen den Wolken hindurchzukommen und unten, auf der Erde, rückt er alles in ein anderes Licht. Man könnte ihn auch als ein Zeichen von Gott sehen, denn er dringt durch das Äußere bis ins Innere vor und erhellt es.
Der Sonnenstrahl ist ein Zeichen von Licht und Freude, und er wendet alles zum Guten. Es ist egal, auf was er trifft, er hat die Kraft, auch das „Böse“ und „Schlechte“ gutartig zu machen.
Cordula Fröhlich



Hans Carossa, „Unzugänglich schien der Gipfel“

Unzugänglich schien der Gipfel;
Nun begehn wir ihn so leicht.
Fern verdämmern erste Wege,
Neue Himmel sind erreicht.
Urgebirg und offne Länder
Schweben weit, in Eins verspielt.
Städte die wir nachts durchzogen,
sind ein einfach-lichtes Bild.
Helle Wolke streift herüber;
Uns umweht ihr Schattenlauf.
Große blaue Falter schlagen
Sich wie Bücher vor uns auf.



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Der Gipfel, der von unten her unzugänglich erscheint, ist leichter zu bezwingen als erwartet und birgt keine neuen Schwierigkeiten mehr, sondern bietet die Sicht auf neue Horizonte und der Weg des Anstiegs ist sogar bis in seine Anfänge überschaubar. Das unvertraute, schwer zugängliche Urgebirge und die „offnen Länder“ bilden eine Einheit, beide „schweben weit in Eins verspielt“. Auch was dunkel, unverstanden und unüberschaubar war („Städte die wir nachts durchzogen“) hellt sich zum „lichten Bild“ auf.
„Helle Wolke streift herüber“ stellt die neuen Horizonte und die durch den Aufstieg erreichte Weite dar. Diese Erfahrung begegnet dem Menschen nur durch den Schatten, als nicht fassbar: „uns umweht ihr Schattenlauf“.
Die „großen blauen Falter“, die sich wie Bücher aufschlagen, stellen Erkenntnis, Erfahrungen und Offenbarungen dar, die für den Menschen überraschend verständlich geworden sind.
Kathrin Schierl