Die Generation der Eltern
in Schlafes Bruder

Josef Alder

Seff, offiziell der Vater der Hauptperson Elias, ist ein sehr emotionaler, gleichzeitig auch sehr wortkarger Mann, wie man an seiner Reaktion auf den Vorschlag seiner Frau sieht, als sie anregt, man könnte das unheimliche Kind ja irgendwie verschwinden lassen:

Als sie ihrem Seff riet, es möchte durchaus eine Pfette vom morschen Dachgebälk zufällig auf den Jungen niederstürzen, oder das Kind könnte unglücklicherweise in der Emmer ertrinken, oder eine läufige Kuh möchte es zu Tode hornen, da schlug Seff ihr die Faust so gewaltig ins gottverreckte Maul, daß die Kinnlade auskegelte. (S. 41)

Dieser Hang zur Gewalttätigkeit tritt auch zutage in der vorgeblichen Racheaktion gegen den Schnitzer Meistenteils (S. 83 f.) - doch ist dies wohl nicht der dominierende Charakterzug, denn Elias fühlt sich sehr zu ihm hingezogen („Seff und der Bub hatten sich lieb, das ist wahr“, S. 71), und auch Seff kümmert sich vergleichsweise intensiv um seinen seltsamen Sohn, vor allem als dieser krank vor Liebeskummer wird (S. 131 ff.).
Kurz darauf erleidet er einen Schlaganfall, bleibt gelähmt und kommt einige Jahre später im Zweiten Eschberger Feuer um (S. 202).

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Agathe Alder

Agathe Alder wird, wie üblich bei den verheirateten Frauen in diesem Dorf, nach dem Vornamen ihres Mannes „Seffin“ genannt (vgl. Haintzin, Nulfin, Lukasin). Sie wird als komplexe Persönlichkeit dargestellt, und doch bleibt einiges davon im Dunkel. So wird beispielsweise nur vom Ergebnis der Verbindung mit dem Kuraten Elias Benzer gesprochen (er ist Elias' leiblicher Vater, s. S. 29 und vor allem S. 198), nicht aber davon, wie es dazu kam. Ihr ungebildeter Aberglaube und die damit einhergehende Gefühllosigkeit ihrem Sohn Elias gegenüber werden deutlich geschildert:

Zwischenzeitlich unterließ die Seffin alles, was einer günstigen Entwicklung ihres frühreifen Jungen hätte förderlich sein können. Sie sprach nicht mit ihm, stellte die Suppe vor die Gadentür, wie man einer Katze die Milch hinstellt. Anfänglich vermied sie jede Berührung aus Angst, sich am Gelbfieber seiner Augen anzustecken. Zärtlichkeit, ein solches oder ähnlich lautendes Wort, war ihr und den meisten Eschberger Weibern unbekannt. Auch trug sie immer weniger Sorge um seine Reinlichkeit, weshalb es schließlich dahin kam, daß Elias verdreckte und verlauste. (S. 45)

Dass sie sich um übliche Moralvorstellungen wenig kümmert, lässt sich schon daraus ersehen, dass sie ihrem Mann vorschlägt, das „vermeintlich besessene Kind“ (S. 41) durch einen fingierten Unfall zu töten. — Es ist vermutlich der Kummer über dieses ungewöhnliche Kind bzw. eher die Diskriminierung, die ihr als Mutter von der Dorfgemeinschaft wegen ihres Sohns widerfährt, dass Agathe Alder vorübergehend in einen Zustand geistiger Verwirrung fällt:

Sie wusch sich nicht mehr, kochte wochenlang nichts anderes als Grießmus, fraß und stopfte das stehengelassene Mus in sich hinein, wurde fettleibig und im Gesicht weiß wie Speck. [...] Dabei war sie erst sechsundzwanzig Jahre alt. Im weiteren gab sie sich rätselhaften Kulten hin, wanderte des Nachts betend und singend durch Eschberg, setzte Kröten brennende Kerzen auf, suhlte sich nackt im Herbstlaub [...] und schnitt sich zuletzt Fleisch aus ihrer linken Wange heraus. Das trug sie dann auf einem Kissen feierlich zum Kirchlein hinüber [...]. (S. 50)

Nach einiger Zeit normalisiert sich ihr Verhalten wieder, und sie wird erst wieder erwähnt, als sie über das Orgelspiel ihres Sohnes staunt:

Und es erblühte die Seffin, das arme vor der Zeit ergraute Weib. Sie stand an der Mauer des Totenackers [...] und bekam feuchte Augenlider. «Ist das wirklich mein Bub? Mein Bub?» flüsterte sie mit sich. [...] Am Abend hörte Seff sein Weib im Stall singen. Es sang wieder Lieder der Mädchenzeit.. (S. 116 f.)



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Arnulf Alder

Nulf Alder ist Peters und Elsbeths Vater, der Bruder des Seff Alder, mit diesem in nicht näher erläuterter Todfeindschaft. Im Zusammenhang mit der Haupthandlung sind vor allem sein Starrsinn und seine geradezu unmenschliche Brutalität zu nennen; bei geringen Vergehen sperrt er seinen Sohn Peter tagelang ohne Nahrung in ein Kellerloch (S. 72), und als Peter einmal „Lakritze und Zuckerwerk gestohlen hat“, bricht er ihm den Arm, der zeitlebens verkrüppelt bleibt (S. 68). — In dem Feuer, das Peter daraufhin legt, rettet Nulf lieber das Vieh als seine Tochter aus den Flammen (S. 77). Der Erzähler merkt an, Nulf sei „ein gemeiner Rohling, ein niederträchtiger Kerl voller Mißgunst gegen die Seinen und gegen die Welt (S. 99 f.).



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Virginia Alder

Virginia Alder wird, wie üblich bei den verheirateten Frauen in diesem Dorf, nach dem Vornamen ihres Mannes „Nulfin“ genannt (vgl. Seffin, Haintzin, Lukasin). Sie ist eine sehr fromme und geduldige Frau, die jedoch den Ausbrüchen ihres Mannes nicht gewachsen ist:

[...] die Nulfin war ein Weib, welches die bösen Launen des sonntäglich berauschten Mannes geduldig ertrug, welches nicht flennte, wenn es geschlagen und geschändet wurde, welches über alle Demütigung zu ihrem Gatten stand, ihm die Sünden still verzieh, für die er aus eigenem nie um Verzeihung gebeten hätte. Sie war schwach, und wenn die Kinder bei ihr Zuflucht suchten, stieß sie sie von sich, aus Angst vor dem Tobsüchtigen. (S. 100)



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© Peter Ringeisen, 1996