Zur Gestaltung

1. Erzählsituation

Das ganze Buch wird dominiert durch einen auktorialen Erzähler, der sogar vorgibt, ein freundschaftliches Verhältnis zum Leser herstellen zu wollen („[...] Leser, der uns ein guter Freund geworden ist“, 202). Schon der erste Satz des Romans macht den Leser mit dem Erzähler bekannt, der von vornherein deutlich sagt, wie die Geschichte endet: „Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen“ (9). Auch im weiteren Verlauf gibt es sowohl Vorausdeutungen als auch Rückblenden, zum Beispiel, wenn der Erzähler die Neigung des Kurats Benzer kommentiert: „Diese Leidenschaft gereichte ihm schließlich zum Untergang, wie später noch dargelegt werden wird“ (20). Im Zusammenhang mit der Erläuterung, dass die soeben geschilderte „Feuerpredigt“ Benzers (24) drei Jahre vor der Geburt der Hauptperson stattgefunden habe, geht der Erzähler gar auf die mögliche Reaktion des Lesers ein und beschwichtigt seine eventuelle Ungeduld: „Ein Leser, der uns zwischenzeitlich bis an diesen Punkt gefolgt ist, mag sich die Frage vorlegen, weshalb wir uns so ausführlich über den hitzigen Kuraten verbreiten und nicht endlich die Erzählung auf jenes sonderliche Kind hinführen. Er möge sich die Frage bewahren.“ (27 f; vgl. 61 f: „Vergeblich wartet der Leser mit uns [...]“). Auch das Verlangen des Lesers, in die Handlung einzugreifen, zieht dieser auktoriale Erzähler in Betracht - und indem er behauptet, dass selbst ein solcher Eingriff nichts verändert hätte, unterstreicht er die Glaubwürdigkeit und Authentizität seiner Erzählung: „Mit zorniger Faust möchten wir diese [...] Gestalt [...] festhalten, sie bei den Schultern fassen und ihr ins Gesicht schreien: «Rede endlich! Sag ihr, wie es um dich steht! [...]» Es würde nichts nützen. [...] Wir müßten verstummen. Und weil wir das wissen, fassen wir ihn nicht mit zorniger Faust bei den Schultern“ (136; vgl. 95). Doch nicht nur Wichtiges hervorhebend und Zusammenhänge erklärend tritt der Erzähler in Erscheinung, sondern auch dadurch, dass er bewusst Unwichtiges beiseite lässt, so beispielsweise JEAs (= Johannes Elias Alders) Bruder Fritz: „Wir geben ohne Hehl zu, daß er uns nicht interessiert. [...] Aus dem Mund des Fritz Alder ist uns kein einziges Wort überliefert.“ (51). An anderer Stelle wiederum zeigt sich, dass der Erzähler natürlich nicht auf irgendwelche Überlieferungen angewiesen ist und dass er wie selbstverständlich von den innersten Gedanken verschiedener Personen berichten kann; dies wird z. B. bei der Hebamme deutlich, die reichlich spät zu JEAs Mutter kommt: „Als sie auf der engtrittigen Stiege zum dritten Male stolperte, war es beschlossene Sache, den Plan, den sie beim Heraufweg im geschwätzigen Kopf hin- und hergewälzt hatte, unwiderruflich in die Tat zu setzen“ (15). Jedoch kann auch der Erzähler nicht restlos alles erklären, beispielsweise bei der mysteriösen Erscheinung, die JEA in der Kirche hat: „Nicht erklären können wir allerdings das, was Elias jetzt sah“ (146). Den Gipfel der Stilisierung des Schaffensprozesses des Erzählers stellt die Passage dar, als er nach dem Bericht von JEAs Tod im September 1825 eine Pause in seiner „Schreibstatt“ einlegt, zum Fenster hinaussieht in die verschneite Landschaft und dann wieder mit allen Sinnen in die vergangene, erzählte Welt eintaucht: „Dann kehren wir an unseren Tisch zurück, wo es noch von der Schwüle des Spätsommers duftet“ (198).




2. Motive


• „Der Mond, eine zerbrochene Hostie“ (30, 176): - dieses sehr einprägsame Bild erscheint unmittelbar vor der Mutation des Fünfjährigen, und dann wieder in JEAs Lebensrückblick während der Orgelimprovisation in Feldberg; wohl ein Symbol für die gebrochene Kraft des christlichen Glaubens
• ironische Verkehrung ins Gegenteil: Immer wieder schlägt eine Situation in ihr Gegenteil um; so wird in dem gleich lautenden Kapitel das Weihnachtslied „Der Tag ist so freudenreich“ zitiert, doch noch während die ganze Dorfbevölkerung singt, wird der Brand entdeckt, der schließlich das halbe Dorf vernichtet und fünf Menschen das Leben kostet. - In die andere Richtung, vom Bestürzenden zum Erfreulichen, geht die Wendung einige Male für JEA: Als seine Mutter in geistige Verwirrung gerät und verwahrlost, beginnt für Elias die Freiheit (51), denn er wird nicht mehr im Gaden eingeschlossen; als der Blasebalgtreter Warmund Lamparter im Vollrausch von der Empore fällt, darf Elias seinen Posten übernehmen und kommt so in die Nähe der geliebten Orgel (62 f.); und als schließlich der Organist Oskar Alder sich aus Depression erhängt, wird Elias zum Orgelspieler des Ortes (114).
• Senilität der Geistlichkeit: Ein öfter auftauchendes Motiv ist die Gebrechlichkeit bzw. geistige Verwirrung der Geistlichen, sowohl in Eschberg als auch in Götzberg. Die Reihe der seltsamen geistlichen Herrn wird eröffnet von Kurat Elias Benzer, der den Mesmer beauftragt, ein Fässchen Schwarzpulver anzuzünden, um seine Pfingstpredigt eindrucksvoller zu gestalten (25 f), und der in der Folge sich „nicht mehr bloß als Hirte, sondern als Vater seiner Eschberger Christenkinder“ (28) begreift. Die pikante Bedeutung dieser Worte erläutert der Erzähler: „Freilich muß er den rein spirituellen Gehalt des Wortes Vater mit dem fleischlichen durcheinander gebracht haben“ (28), so dass etliche uneheliche Kinder auf den Kuraten Benzer zurückgehen (wie auch Elias, angedeutet 29 f, explizit 198). - Sein seniler Nachfolger Beuerlein ist so geistesschwach, dass er mitten in der Beerdigungszeremonie zum Taufritus übergeht: „Der Schmerz der Trauernden wurde noch dadurch gesteigert, daß Kurat Beuerlein das Requiem beim Tuba-mirum endigte, verwirrt in die Gemeinde blinzelte, dann jedoch sehr selbstsicher befand, man müsse nun zum Taufakt schreiten. Also schritt der Kurat zu den Särgen nieder und nahm ihnen das Taufversprechen ab“ (85). - Als sich daraufhin zwei Eschberger zum Vorgesetzten ihres Kuraten, dem Götzberger Pfarrer, bemühen, um sich über Beuerlein zu beschweren, müssen sie erleben, dass es um den Götzberger Pfarrer ähnlich bestellt ist: „Als er den Kerlen zum achten Mal den Segen gab - auch seine Tage waren hoch an der Zahl - begriffen sie“ (85 f).
• „das Jesulein“: Wiederholt geht es um Jesus als Kind, zu dem JEA Liebe und Vertrauen empfindet; so betont der Erzähler bei seiner Erstkommunion, „daß kein Kommunikant so fromm und lauter das Jesulein in sein Herzkämmerchen treten ließ als unser Elias Alder“ (47); eine der geheimnisvollsten Stellen des Romans ist die Begegnung mit dem Kind in der Kirche, von dem eine Wärme auszugehen scheint, „die ihn unerklärlich glücklich machte und der Seele einen herrlichen Frieden gab“ (147). Und schließlich ist die Bezeichnung „Jesulein“ Bestandteil des Liedes, über das JEA improvisiert: „Denn durch dich [= den Tod] kömm ich herein / zu dem schönsten Jesulein“ (181). So ist es am Ende nicht nur die Liebe Elsbeths, um deretwillen er sich umbringt, sondern auch „die Gewißheit der ewigen Seligkeit im Himmel“ (192).

© Peter Ringeisen, 1996