DER SPIEGEL 1/1998



BUCH

Schlurf heimwärts, Engel

Seit seinem Erfolg mit "Schlafes Bruder" gilt der Österreicher Robert Schneider als Wunderkind der Gegenwartsliteratur - nun schickt er eine "Luftgängerin" auf Irrfahrt.

Der mit Abstand beste Satz fällt nach wenigen Seiten. Im Zug von Landquart nach St. Gallen begegnet dem jungen Ambros Bauermeister im Herbst 1969 die Liebe seines Lebens. Im Speisewagen sitzt sie, Amrei, mit marineblauem Pullover und "vollendeten, seedunklen" Augen. Für Ambros ist die Sache auf den ersten Blick klar, er stürzt sich auf das verdutzte Mädchen und küßt es. Da sagt die Überrumpelte mit österreichischem Akzent: "Finden Sie nicht, daß Ihnen etwas die Nuancen fehlen?"

Leider geht schon der Antwort jeder Charme ab. "Sie sind der schönste Mensch, der mir jemals in meinem Leben begegnet ist", sagt der Verliebte. Sagt er? Nein, diese Worte "bebte er unverständlich, und sein Herzklopfen übertönte die Gedanken". Und wer das noch für ein vom Autor augenzwinkernd inszeniertes Liebesgestammel hält, wird schnell eines Schlimmeren belehrt.

Mit der Liebe wird in diesem Roman nicht gespaßt. Denn sie "geschieht nur ein einziges Mal". Und sie soll heilig gehalten werden. Zwar sinkt Amrei ihrer Zugbekanntschaft Ambros - der Mann wollte eigentlich nur seinen Vater besuchen - noch in derselben Nacht in ihrem Haus in Vorarlberg "auf die Brust", doch erst im Januar 1970 (mit Daten nimmt der Erzähler es genau), "erkannten sie einander". Das aber dann richtig: "Sie fielen ineinander wie die Wolken des Himmel, türmten ihre Körper auf, rissen sich fort und vergingen am Horizont der Lust."

Es fehlen die Nuancen: Besser als mit diesem ersten Satz von Amrei läßt sich das Unglück des Romans "Die Luftgängerin", des zweiten von Robert Schneider, kaum beschreiben*. Die Erwartungen an das Buch waren enorm, das Ergebnis ist niederschmetternd. Das ist ein trauriger Fall - und ein tiefer.

Schneider, 36, gilt - neben Patrick Süskind ("Das Parfum") - als Wunderkind der Gegenwartsliteratur in deutscher Sprache: ein Publikumsliebling. Sein Debüt "Schlafes Bruder", 1992 erschienen, hat sich bis heute allein in deutscher Sprache mehr als einmillionenmal verkauft und wurde vielfach übersetzt. Es gab eine Verfilmung, ein Ballett nach dem Roman und sogar eine Oper - selten ist einem jungen Autor, gewissermaßen aus dem Nichts, ein solcher Start gelungen.

Schneider, der als Adoptivkind einer Bauernfamilie in Vorarlberg aufwuchs und danach ein paar Jahre lang in Wien Musik- und Theaterwissenschaft studierte, ist damit in einsame Höhe katapultiert worden. Hat ihn das überfordert? Schon im Vorfeld des Erscheinens wurde von ungewöhnlichen Forderungen des Autors gemunkelt: Den Proben seines zweiten Romans hatte er selbstbewußt einen mehrseitigen Vertragsentwurf beigelegt, der bis zum Chauffeur und der Hotelklasse auf Lesereisen ("Fünf-Stern-Klasse, in einer Suite mittlerer Größe") alles regeln sollte.

Doch aus den Lektoraten, denen die Proben vorlagen, drang kaum etwas nach außen - zu lebendig war noch die Erinnerung an die Blamage mit dem Manuskript von Schneiders Erstling: Mehr als 20 Verlage hatten den späteren Millionenseller abgewiesen (freilich, das wird gern verschwiegen, mit zum Teil aufrichtigem Bedauern und durchaus positiver Beurteilung). Am Ende machte Karl Blessing das Rennen um die "Luftgängerin", ein Verleger, der das finanzstarke Bertelsmann-Imperium im Rücken hat: Er bot Schneider knapp eine Million Mark als Garantiehonorar und ließ auch über den Forderungskatalog mit sich reden.

Warum soll ein Schriftsteller nicht die Gunst der Stunde und seinen Marktwert nutzen? Warum soll ein Verlag nicht auf den Bestsellerruhm eines Autors setzen? Was im amerikanischen Geschäft gang und gäbe ist, setzt sich allmählich auch in Deutschland durch: Autoren pokern, einige haben mittlerweile Agenten; dagegen läßt sich wenig einwenden.

Was zählt, ist allein die literarische Qualität. Der Zauber von Schneiders erstem Buch bestand in der Beschränkung auf ein zentrales Motiv, das schon im ersten Satz anklang: "Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen." Der altertümelnde Ton, das Auftreten eines allwissenden Erzählers, einige ausgefallene Wörter - das mochte zum Ambiente eines Bergbauerndorfs zu Beginn des 19. Jahrhunderts passen und konnte zudem als postmodernes Spiel verstanden werden.

"Wir schließen die Blätter unseres Büchleins über Johannes Elias Alder", hatte Schneider damals, noch ohne jede Aussicht auf Ruhm und Prominenz, gegen Ende von "Schlafes Bruder" geschrieben. "Was kommt, ist von Unerheblichkeit."

Vorerst leider wahr. Der neue Roman hat keinen erzählerischen Fluß und keine wirklich überzeugende Hauptfigur. Statt des genialen Musikers Alder, der mit einem übersinnlichen Gehör, einer unerwiderten Liebe und einer tumben Umgebung geschlagen war, kommt nun der Engel Maudi ins Spiel, die im September 1970 geborene Tochter von Ambros und Amrei, eine "Luftgängerin". Das Mädchen leidet, wie ein Arzt feststellt, unter dem "Syndrom der testikulären Feminisierung", ein Wesen also mit dem Aussehen einer Frau und dem Chromosomensatz des Mannes.

Wunderwesen oder medizinischer Fall? Schon der Vater mag Maudi nicht, der Autor kaum mehr. Lieblos durchstreift er mit ihr die siebziger, die achtziger, die neunziger Jahre. Statt der Luftgängerin Farbe zu geben (aber eben: "Engel haben keine Wesenheit"), wird vom "Magischwerden" und vom "Wunder" bloß geredet.

Zu oft wird in diesem Roman das "Unfaßbare" angekündigt, "das noch nie Dagewesene", doch die erwartete "Katastrophe", das "Unsägliche", die "Ungeheuerlichkeiten ohne Ende" treten nicht ein - am Schluß reicht es gerade mal zu einem raschen Blick in die nahe Zukunft, wo idiotische Skinheads in der fiktiven Stadt Jacobsroth einen Panzer klauen und einen Minibürgerkrieg provozieren. Auch ein Feuer muß her (und ist doch nur ein Abklatsch der Dorfbrände in "Schlafes Bruder").

Was könnte Schneider im Sinn gehabt haben? Ein Gesellschaftspanorama? Eine Vorarlberg-Satire? Eine Liebesgeschichte? Der Roman hat von allem etwas, doch nichts löst er wirklich ein. Die reichlich lahme Luftgängerei kommt auch durch die - zahlreichen - Nebenfiguren des Romans nicht in Schwung; sie alle sind kaum mehr als ihre drolligen Namen (vom Russen und Engeljäger Izjumov über die Buchhändlerin Nagg und den Journalisten Nigg bis zum Verleger Sot). Ihre Lebensweisheiten klingen wie aus Dale Carnegies Longseller "Sorge dich nicht, lebe!": "Aus Lebensangst folgt das Versäumnis, und aus dem Versäumnis der lebenslange Tod." Da darf dann auch der Rilke-Ton nicht fehlen: "Ist Irrfahren nur im Weglosen?"

Es ist ein Graus. Aber lassen wir die "beanzugten und beabendkleideten Gäste", mögen die Helden sich "zungig" und wenige Seiten später auch "tiefzungig" küssen, soll sich die Ampel "röten" und dann "grünen", eine Parklampe ins Zimmer "stauben" - solch kleine Schnitzer, die gewöhnlich Anfänger unter den Autoren für besonders literarisch halten, hätte ein Lektor leicht entfernen können. Der aber durfte oder konnte hier offensichtlich nicht jenes starke Gegenüber spielen, das jeder Schriftsteller braucht. "Die Luftgängerin" ist das Desaster eines Unberatenen. Mag sein, auch das Drama eines Unbelehrbaren.

Volker Hage

* Robert Schneider: "Die Luftgängerin". Karl Blessing Verlag, München; 352 Seiten; 42,90 Mark.

© 1998 DER SPIEGEL


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