DER STANDARD Freitag, 2. Jänner 1998, Seite A3

ALLEN ERNSTES VON HERZEN

Robert Schneider
Die Luftgängerin
öS 313,/351 Seiten
Blessing Verlag
München, 1998

Das Herz hat es an sich, immer wieder entdeckt werden zu können. Kaum irgendwo geortet, geht es den Menschen schon wieder ab, und harrt des nächsten Entdeckers. Die neueste "neue Empfindsamkeit" ruft Robert Schneider mit seinem zweiten Roman aus: Die Luftgängerin. Vielen gewiß eher eine Traumtänzerin, erlauscht diese spätgeborene Schwester des jungen Werther oder, um es etwas entlegener zu wagen, des Herz aus dem gleichnamigen Briefroman von Jakob Michael Reinhold Lenz, ihr Innerstes und folgt seinem pochenden Ruf, der sie dem gesetzten, dem etablierten Teil ihrer Umgebung rasch und unaufhaltsam entfremdet.

Neue Empfindsamkeiten haben etwas an sich, das sich spielend lächerlich machen läßt. Das Herz kommt ohne Kopf daher. Es bezieht sein Recht aus der (ökonomischen) Unvernunft. Die Vernünftigen verdammen es deshalb als erste. Die Angstvollen schließen sich ihnen irgendwann an. So schöne Worte über den Werther, wie Matthias Claudius sie fand, sind die große Ausnahme. Claudius fühlte die Revolte und gab ihr in ihrem Anlauf gegen das geltende soziale Reglement alles menschliche Recht. Er stellte sich damit bekanntlich an die Seite einer Jugend, die von den moralischen Instanzen der Zeit sofort der zügellosesten Schwärmerei bezichtigt wurde.

Wäre Robert Schneiders Heldin Maudi Latuhr nichts als eine exaltierte Schwärmerin, so ließe sich ohne Skrupel so lachen über sie, wie man über den krausen Stil dieses Vorarlberger Schriftstellers bisweilen unwillkürlich lachen muß. Was einen lachend allerdings irritiert, ist eben der gesellschaftliche Aspekt: Robert Schneiders Luftgängerin protestiert intuitiv gegen eine Welt, die zunehmend erzeugt, was sie für einen moralischen Defekt hält, nämlich Arbeits- und Mittellosigkeit mit ihren spezifischen subsozialen Lebensformen, der Obdachlosigkeit, dem Drogenkonsum, der ungeregelten, ungeschützten und nahezu unbezahlten Prostitution.

Die Kraft kommt aus der Liebe. Es scheint, daß die Beziehung, aus der Maudi Latuhr hervorgeht, ihr jene Energien mitgibt, die sie später zur Rebellin machen. Es ist der Vater, der Schweizer Ambros Bauermeister, der das, was seine Eltern seelisch ruiniert hat, das Geld nämlich, nicht anzurühren beschlossen hat, und im Zug auf den ersten Blick in der Vorarlberger Industriellentochter Amrei Latuhr seine "Zwillingsseele" erkennt, es ist dieser Vater, der die äußersten, die systembedrohenden Möglichkeiten des Liebens zu ahnen und in seinem Kind anzulegen scheint. Von Ambros Bauermeister stammt die Rede von den "Luftgängern", den Menschen, die keine Angst haben, wieder und wieder das zu begehen, was die Vernunft die "Fehler des Herzens" nennt. Von ihm stammt auch die Fabel vom Entlein und dem Fuchs: Wer glaubt, durchs Leben zu kommen, indem er sich nach allen Seiten hin freundlich gibt, kommt nicht weit. Maudi Latuhrs Vater aber kommt selbst nicht weit. In die Liebe zu Amrei schleichen sich Widerstände, Sprachlosigkeiten, die zur Entfremdung führen, und die Verweigerung des Geldkontaktes scheitert spektakulär nach der Trennung von Amrei durch die Welt bummelnd, wird ausgerechnet der Mann mit der "Geldallergie" in Ulm zum Bankräuber und im Fernsehen zum kläglich versagenden Kandidaten in einem Gewinnspiel.

Maudi bewährt sich besser. Biologisch ein Mann, wegen zweier fehlender Gene aber sekundärgeschlechtlich als Frau ausgebildet, fällt die Außenseiterin als frühreif auf. In einem italienischen Lokal am fiktiven Schauplatz Jacobsroth kommt es zum ersten Eklat, weil das Kind wildfremden Menschen küssend um den Hals fällt. Ein Hund stirbt aus ungeklärter Ursache. Mutter Amrei läßt das Kind wegen des Verdachtes auf Epilepsie untersuchen. Der Befund ist negativ.

Später wird Maudi, die plötzlich verschwunden ist, tagelang gesucht und am Rheindamm gefunden, entkleidet, mit Würgemalen am Hals. Dem Gewalttäter, dessen Namen sie niemals preisgibt, angstlos zu begegnen, ist fortan eines ihrer Ziele, das sie am Ende des Buches erreicht. Im nächtlichen Mittelmeer taucht schwimmend hinter ihr der ehemalige Prawda-Reporter und mittlerweile Chronik-Chef einer, der Vorarlberger Lokalzeitung auf. Maudi, für den Journalisten übrigens die Wiedergängerin seiner in Moskau freiwillig aus dem Leben geschiedenen Schwester, bleibt unbeirrt.

Womit sie zuvor ihre Familie brüskiert und den Klatsch in Jacobsroth im Überfluß genährt hatte, das war ihr Umgang mit Außenseitern, denen sie sich hingibt, weil ihr der Leib in einem fast religiösen Sinn nur als die wertlose Hülle der Seele erscheint. Dem Polizisten und lebenslang vergeblich an einem Konzertauftritt als Pianist fingernden Eduard Flores verspricht sie sich als Frau. Im Sterbezimmer ihrer Großmutter Margot taucht sie auf, als wäre auch das Wissen um den richtigen Zeitpunkt nur eine Frage der Liebe zu den Menschen.

Rundum entfaltet Schneider ein erzähltechnisch weit mehr als sprachlich gekonntes Panorama der Vorarlberger Gesellschaft der vergangenen drei Jahrzehnte. Hier spitzen sich die Dinge dramatisch zu: Die Textilindustrie liegt im Sterben, Lokalzeitung und Fernseh-Landesstudio gerieren sich wie Schaltstellen einer anonymen Tyrannis, Gewalttaten nehmen erschreckend zu, bis eine Gruppe betrunkener Neonazis unter einem Outcast namens Rüdi wodurch er sich als Epigone des Briefbomben-Grafen Rüdiger von Starhemberg legitimiert sieht einen Panzer stiehlt und eine Blutspur durch die Stadt zieht. Was die Kinder der Gastarbeiter zu bürgerkriegsartigen Plünderzügen veranläßt. 38 Tote und ungezählte Schwerverletzte. Das Prinzip der Unwahrscheinlichkeit: Ausgerechnet die ordnungsliebenden "Häuslebauer" werden zum rasenden Mob. Wie schon in Schlafes Bruder glaubt Robert Schneider bedingungslos an sein Schreiben. Die literarische Naivität, die unerschütterliche Arbeit am Aufbau musikalisch anmutender Textstrukturen sind unabweisbar. Hier glaubt einer, daß es immer noch möglich ist, die Welt nicht nur schön zu erzählen, sondern dabei sogar noch Lebensweisheit zu verbreiten. Er setzt sich damit, wahrscheinlich nicht einmal dies wissend, der Lächerlichkeit aus. Was an Ulrich Bräker gemahnt, seinen großen Landsmann.

Aber der Glaube, daß man, wenn man sich auf sein Herz verläßt, eine Liebe finden kann, die angstfrei gegenüber der Gesellschaft macht, eine Liebe, die jeden Eindruck eines geglückten Lebens überbietet, den diese Gesellschaft ihren funktionierenden Mitgliedern zu vermitteln vermag, verunsichert einen mitten im Lachen mit seinem heiligen Ernst.


Michael Cerha




Früh erscheint, was ein Bestseller werden will: Robert Schneiders zweiter Roman "Die Luftgängerin", wie schon "Schlafes Bruder" in seiner Vorarlberger Heimat spielend, ist ab heute im Buchhandel erhältlich.

© 1997 DER STANDARD


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- Peter Ringeisen -


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