DER STANDARD MI./DO., 31.Dez. 97/1.Jänner 98, Seite 12

Robert Schneider blickt der Aufnahme seiner „Luftgängerin“ furchtlos entgegen

Mein bester Vernichter bin ich selbst

Am Freitag erscheint Robert Schneiders „Luftgängerin“ (Rezension im nächsten ALBUM). Alle Zeichen deuten auf eine kontroversielle Aufnahme. Noch in New York, attestiert der Autor im Gespräch mit Michael Cerha der Literaturkritik den Niedergang – und glaubt an das „Aufleuchten der Seele“ durch die Liebe.

Kein heimischer Autor war zuletzt erfolgreicher: Schlafes Bruder, der Debut-Roman des Vorarlbergers Robert Schneider, erschien, zuvor von 21 Verlagen abgelehnt, 1992 bei Reclam Leipzig, verkaufte sich allein deutschsprachig 1,3 Millionen mal, wurde in Italien mit dem Premio Cavour und in Paris, wie zuletzt Thomas Bernhards Alte Meister, mit dem Prix Medicis geehrt.

Dem Lebensbericht über das Musikgenie Johannes Elias Alder läßt Schneider nun ein wieder in Vorarlberg spielendes Buch über eine gesellschaftliche Ausnahmeerscheinung folgen: Die Luftgängerin, vom Münchner Bertelsmann-Ableger Blessing ab 2. Jänner ausgeliefert, muß, wenn (vom Vorgeplänkel am Boulevard abgesehen) jetzt die Rezensionswelle einsetzt, mit Sturmböen rechnen. Steht doch die Heldin, die mit Outcasts durch die fiktive Stadt Jacobsroth streunende Industriellen-Tochter Maudi Latuhr, unter hohem Erwartungsdruck. Und die Punze „Bestseller“, die Schlafes Bruder erhielt, ist in Teilen der literarischen Welt eine Provokation an sich.

STANDARD: Was befürchten Sie von den Rezensenten, was erhoffen Sie sich?
Schneider: Als ich im Februar 100 Seiten der Luftgängerin (ein im übrigen wundervoller Titel, finden Sie nicht?) an Freunde, Bekannte und Lektoren verschickt habe, war die Ratlosigkeit enorm. Kaum jemand wollte sich dazu äußern. Als ich – das liegt in meiner Person – diese Menschen aber gezwungen habe, sich zu äußern – sonst hätte ich ihnen das Manuskript ja nicht gegeben –, war der Tenor einhellig: Dieses Buch wird nicht funktionieren. Das kam mir bekannt vor. Auch über Schlafes Bruder hieß es: „Wer soll dieses Buch lesen mit dieser merkwürdigen Sprache?“ Ich ließ mich damals wie heute nicht beirren.
Mich interessiert jede Kritik, Verriß oder Lob. Aber mehr noch interessiert mich die Frage, wie es gemacht ist. Welche Ebene wählt ein Rezensent? Über welches Sprachregister verfügt er? Im neuen Spiegel steht ein Verriß von Volker Hage. Die Rezension ist in einer nahezu talentfreien, ja – Hage verzeihe mir – verarmten Sprache geschrieben. Er kann mit dem Buch nichts anfangen, das ist legitim. Dummerweise hat er mich nicht gebeten, für ihn zu schreiben. Ich war immer mein bester Vernichter.
Ich glaube in der Tat, die deutsche Literaturkritik ist im Vergehen. Es ist wichtiger geworden, zu schreiben, daß Robert Schneider ein schlechter Billard-Spieler ist, ein aufgrund seines Erfolges wahrscheinlich Verrücktgewordener, schwul oder auch lesbisch, wieviel er verdient, welches Auto er fährt, wasweißich. Ein Interview mit der Zeit habe ich platzen lassen, weil die Fragen so schwachsinnig waren, daß ich nicht darauf antworten konnte, nicht einmal mit Ironie.

STANDARD: Ihre „altmeisterliche“ Sprache konnte in „Schlafes Bruder“ damit erklärt werden, daß das Buch in der Vergangenheit spielt. Jetzt stellen Sie sich mit denselben Mitteln waghalsig einer Gegenwart aus Drogen, Konkursen, Umweltverschmutzung, Medienhegemonie und Fremdenhaß.
Schneider: Lieber, das ist mein Idiom! Es ist völlig unerheblich, woher das Idiom eines Schriftstellers kommt. Wichtig ist, ob der Schriftsteller imstande ist, eine Illusion zu erzeugen. Das ist der Kunst nämlich abhanden gekommen, eine genuin eigene Illusion erstehen zu lassen. Wenn Sie ein Kunstwerk nur mit strukturellen Aspekten beleuchten, haben Sie schon verloren. Mein Buch kann nicht mit dem Kopf verstanden werden. Man kann es nur mit dem Herzen begreifen.

STANDARD: Befürchteten Sie nie, entweder Ihre Mittel oder Ihre Leser zu überfordern?
Schneider: Ich überfordere mit meinen Büchern offensichtlich die Literaturkritik, aber merkwürdigerweise nicht die Leser. Ganz schlimm wird es, wenn mich der Kritiker persönlich kennt. Das ist schon lange nicht mehr dagewesen, daß ein Schriftsteller völlig eins ist mit seinem Buch, daß er sozusagen das Buch selber ist. Das erzeugt Angst, mitunter Neid, im häufigsten Fall wird mit Zynismus darauf reagiert. Aber was ist Zynismus? Zynismus ist die Äußerung der eigenen Liebesunfähigkeit. Und dieses Buch ist wahrlich ein Buch gegen den Zynismus. Ich habe hier in New York viel Zeit damit verbracht, verzweifelte Journalisten zu trösten. Das tue ich jetzt nicht mehr. Ich bin Schriftsteller, kein Therapeut.

STANDARD: Vier Fünftel der Luftgängerin lesen sich als rheintalische Industriellen-Saga, man denkt an Forsythes und Buddenbrooks, auch an einen modernen Heimatroman – ehe das Ganze zum Action-Thriller wird, bis hin zum Massaker betrunkener Neonazis samt Bürgerkrieg. Welchem Genre würden Sie selbst Ihren Roman zuordnen?
Schneider: Warum soll ich meinen Roman einem Genre zuordnen? Einen Namen dafür zu finden, ist Ihre Aufgabe. Darf ich Ihnen ein wenig raten: Das Strukturelle in der Luftgängerin ist nur durch das Wesen der Musik, durch musikalische Parameter, zu begreifen. Eigentlich müßten Sie Musiker sein, oder zumindest eine musikalische Seele, um Ihre Irritationen an meinem Buch zu besänftigen. Wären Sie aber Musiker, würde die Frage gar nicht erscheinen.

STANDARD: Rund um die aus Stifters „Bergkristall“ geborgte Lichterscheinung prägt dieses Buch eine immaterielle Ebene. Dem Geld gegenüber dominiert das Herz in seiner schreienden Angst. Haben Sie eine parapsychologische Ader, oder nur eine psychologische?
Schneider: Mit Parapsychologie oder Psychologie hat mein Text nichts zu schaffen. In der Luftgängerin finden Sie eine Stelle, die die Welterklärung vermittels psychologischer Kategorien ironisiert. Ungeachtet dessen hat dieser Text eine numinose Melodie, er durchschreitet nach einem genauen Plan verschiedene Tonarten. Jedem Kapitel ist eine Musik zugeordnet. Musik ist die Schwester der Religion. Den Plan werde ich natürlich nicht preisgeben. Ich halte es mit Alban Berg, der über seinen Wozzeck sagte: „Vergessen Sie den ganzen Kontrapunkt und die Fugen. Es muß zu Herzen gehen.“

STANDARD: Die Luftgängerin, medizinisch ein Zwitter ...
Schneider: Sie ist eben kein Zwitter. Bitte lesen Sie genau – und dieses Buch ist äußerst genau zu lesen. Sie ist eine Frau, die ursächlich ein Mann hätte werden sollen. Das ist sehr wichtig, und medizinisch gibt es dafür einen Terminus – Testikuläre Feminisierung. Das kann bis heute nicht wirklich erklärt werden.

STANDARD: Die Frau, die also ursächlich ein Mann hätte werden sollen, wird zuletzt „normal“. Statt sich „urchristlich“ weiter mit Leib und Seele der Ärmsten anzunehmen, geht sie studieren. Ist „Luftgehen“ nur der Jugend möglich?
Schneider: Nein, es ist keine Frage der Zeit. Es ist eine Frage der Kraft, die Frage nach dem „Aufleuchten der Seele“. Und ein Mensch leuchtet dann auf, wenn er sich verliebt, wenn er zum Liebenden wird. Und er verlischt, wenn er sich die eigene Liebesfähigkeit nicht mehr zutraut, wenn er nicht mehr den Mut findet, die „alten Fehler des Herzens wiederzumachen“.

STANDARD: Auch wenn es einmal heißt, die Alemannen hätten den Rhein „gar nicht verdient“, stellt das Buch ein Bekenntnis tiefer Anteilnahme an Landschaft und Bewohnern des Rheintals dar. Dennoch ist anzunehmen, daß einige Vorarlberger Ihnen diesen Roman krummnehmen werden, indem sie sich darin diskriminierend dargestellt glauben.
Schneider: Wo dieses Buch spielt, ist völlig unwichtig. Mit dieser Frage war ich schon bei Schlafes Bruder befaßt. Das Rheintal ist eine Folie für diese Welt, wie ich sie sehe. Mehr habe ich als Schriftsteller nicht zu leisten. Es ist nebensächlich, wer die Vorbilder sind. Die in Vorarlberg nehmen sich jetzt alle so wichtig, viele haben auch eine alles paralysierende Angst, weil sie meinen, in meinen Roman eingeflossen zu sein. Dadurch verstellen sie sich aber das Lesevergnügen. Ich selbst werde mich hüten, zu eröffnen, wer die betreffenden Romanfiguren wirklich sind. Oder ich werde es machen wie immer: Ich lege falsche Fährten. Dem einen Journalisten sage ich dies, dem andern das.

STANDARD: „Die Luftgängerin“ soll den Mittelteil einer Rheintal-Trilogie bilden. Welchem Konzept folgt diese Trilogie?
Schneider: Das ist richtig. Soll ich Ihnen eine Fährte legen? Dann sagen Sie in fünf Jahren: Ja aber, Herr Schneider, Sie sagten doch damals ...


© 1997 DER STANDARD


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