08.01.98
DIE ZEIT Nr. 3, S. 42

Ein Engel kommt nach Jacobsroth

Robert Schneiders zweiter Roman „Die Luftgängerin“ kommt von Herzen und will zu Herzen gehen / Von Sigrid Löffler

Bestseller lassen sich nicht planen, sie passieren. Warum sich Patrick Süskinds „Parfum“ weltweit vielmillionenfach verkauft hat, warum Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ eine Käufermillion erreichte — keiner weiß es, jeder darf mutmaßen. Die Bücherbranche rätselt und zimmert sich ihre eigenen Hypothesen aus den Faktoren Machart, Thema und Zeitstimmung mal Zufall plus Marketing — in der Hoffnung, der Erfolg lasse sich ergründen und damit vielleicht wiederholen.

Es mag müßig sein, über das Erfolgsgeheimnis eines Bestsellers zu spekulieren, denn wiederholen läßt er sich nicht, es ist aber auch verlockend. Weil der Bestsellerei ein Hang zur retrospektiven Zwangsläufigkeit innewohnt, eine eigene Teleologie, die ihre besonderen Denkmuster, Denkzwänge, produziert. Wenn man unterstellt, daß Verkaufszahlen sich nicht irren können, dann rechtfertigt sich im Rückblick ein Verkaufserfolg von selber. Dann war Robert Schneiders Debüt mit „Schlafes Bruder“ vor sechs Jahren ein Geniestreich — ganz unabhängig von der literarischen Qualität.

Mit dem zweiten Buch allerdings schlägt die Stunde der Wahrheit. Für den Autor und für die Literatur. Kann sein, daß das zweite Buch sogar rückwirkend das erste relativiert. Mit dem ersten Buch hat der Autor vielleicht geblendet, verblüfft oder einfach Glück gehabt. Mit dem zweiten entscheidet sich seine Tauglichkeit als Autor, mit dem dritten sein Rang als Schriftsteller.

„Schlafes Bruder“ ist 1992 erschienen und „Pascales Herzschlagen“ gewidmet. Um das Herz war es Robert Schneider, dem Vorarlberger Kleinhäuslersohn des Jahrgangs 1961 und verkrachten Musikstudenten in Wien, mit seinem literarischen Debüt auch vornehmlich zu tun.Was er zu erzählen hatte, war eine Herzensgeschichte. In altfränkischer Chronisten-Manier und in schwärmerischem Legendenton berichtete er von der verhinderten Liebe eines verhinderten Künstlers, zeitversetzt in die Vorarlberger Vormoderne des frühen 19. Jahrhunderts. Der verhinderte Komponist Schneider träumte sich in „Schlafes Bruder“ in ein verkanntes Genie hinein — in den fiktiven Dorf-Organisten Johannes Elias Alder, einen naturwüchsigen, aber ungeschulten Genius, der sich in der Stunde seines größten musikalischen Triumphs, als die Welt ihn entdeckt, aus unglücklicher Liebe selber tötet.

Literatur als Selbstheroisierung und grandiose Wunscherfüllung. Literatur aber auch als Feier eines sakralisierten Geniebegriffs, der den heiligen Märtyrer-Künstler dort beweihräuchert, wo das Numinose wohnt — und der fromme Kitsch. Literatur vor allem als Erweckungsprosa, als sprachliche Evokation und Eruption großer Gefühle. Schneiders Held Alder ist ein Allumarmer mit Anfällen von ekstatisch gesteigerten Durchdringungsgefühlen, er ist ein entflammter Liebhaber mit einer besonderen Affinität zum Herzschlag. Schon als Fünfjähriger wird dieser heilige Musikus eines Hörwunders teilhaftig: Er vernimmt das Tosen des Weltalls und darin den Herzschlag eines ungeborenen Kindes. „Es war das Herzschlagen jenes Menschen, der ihm seit Ewigkeit vorbestimmt war. Es war das Herz seiner Geliebten.“

Das liest man gern. Die wahre Liebe. Das echte Gefühl. Die große Unmittelbarkeit. Die augenblickliche Erleuchtung. Der Sinn des Lebens. In Zeiten der Single-Existenzen und der Lebensabschnitts-Partnerschaften möchte doch bitte schön wenigstens die Literatur die Frohbotschaft von der vorherbestimmten, einen und einzigen Herzensliebe bewahren und die ganz großen Gefühle beschwören — Sehnsucht und Schrecken, Seinsgier und Seinsweh, Tragik und Verzweiflung, Angst und Ekstase. „Schlafes Bruder“ redete also nicht nur in Zungen, es trug auch sein Herz auf der Zunge. Was Wunder, daß es den Leuten ans Herz griff und sogar den Kritikern zu Herzen ging.

Vom großen Gefühl wird gern gesagt, daß es jeder Beschreibung spottet. Das Umgekehrte ist gleichfalls wahr: Schneiders Beschreibungen spotteten des öfteren der großen Gefühle, deren sie sprachlich nicht Herr wurden. Aber so genau wollte es seine Leser- und seine Kritikerschaft damals nicht wissen, berauscht wie sie war von diesem schreiberischen Furor ecstaticus aus der alemannischen Bergwelt.

Nun aber ist der Eremit aus dem Weiler Meschach ins Rheintal und in die Gegenwart herabgestiegen und hat uns seinen Prosa-Zweitling geschenkt, den Roman „Die Luftgängerin“. Einen Roman, der den Erstling nicht nur in jeder Hinsicht überbieten will, das sowieso, sondern einen Roman, für den sich Robert Schneider — angesichts des beklagenswerten Zustandes der Welt — höchstpersönlich abermals in die Rolle des Schöpfergottes bemüht hat, des Kunstschöpfers, versteht sich. Wie er uns in der Präambel mitteilt, wollte er „nicht länger die Wertlosigkeit aller Werte“ — was nun? beklagen? hinnehmen? bekämpfen? nein: „veranschlagen“. Deshalb habe er „beschlossen, die Welt noch einmal zu entwerfen, wider besseres Wissen“.

Solche Unbescheidenheit lobt sich die Branche. Teils wider besseres Wissen, teils weil sie es besser weiß. Daß einer, dem sein Debütantenerfolg vielleicht nur wie der Jackpot im Lotto zugefallen ist, sich fortan für einen begnadeten Mathematiker hält, amüsiert die Medien immer. „Die Luftgängerin“ wurde also gebührend einbegleitet von superlativischen Vorausberichten und allerhand prahlsüchtigen Interviews, in denen nebst viel hybridem Quatsch vor allem die Millionenhöhe der Garantiesumme, die der Karl Blessing Verlag dem Autor angeblich ausbezahlt hat, die Exorbitanz des zu erwartenden literarischen Ereignisses nahelegen sollte.

Und tatsächlich. Schon die erste Lektüre bestätigt es. Ein solcher Roman ist noch nicht dagewesen. Ein offenbar unlektoriertes Roh-Manuskript, im Vollbesitz all seiner Stilblüten, stellt sich als Debakel zur Schau und kündet in aller unfreiwilligen Komik von nichts als dem Größenwahn und der Sprach- und Denkohnmacht seines Autors. Man muß sogar bezweifeln, ob Schneider über das bessere Wissen, das diesen seinen Weltentwurf hätte verhindern können, je verfügt hat.

Es geht ihm nämlich um eine Herzensgeschichte, abermals. Und wo das Herz spricht, hat der Verstand schon verloren, der Kunstverstand erst recht. Annonciert wird „die Geschichte der Maudi Latuhr und ihrer rheintalischen Welt. Das Wirken einer Magierin in entzauberter Zeit. Das Leben des letzten Herzmenschen von Jacobsroth“.

Als letztem Herzmenschen des fiktiven vorarlbergischen Städtchens Jacobsroth, offenkundig einer Mischung aus Dornkirch und Feldbirn, scheint es dem Industriellentöchterl Maudi aus der Textil-Dynastie Latuhr, Jahrgang 1970, vor allem zu obliegen, fürs Herzklopfen der Menschen zu sorgen. Will man Robert Schneider glauben, dann schlagen, pochen und klopfen in ihrer Gegenwart die Herzen nicht nur, sie „schreien“ vielmehr und „rasen wie ein Schnellzug durch die Nacht“ die Herzfrequenz „verschnellt“ sich, die Pulse „tönen“ und „donnern“, vorzugsweise „in den Fingerballen“.

Beispielsweise bei Harald Rhombach, dem bankrotten Textilbaron. Der sucht schon die ganze Zeit „etwas, das er irgendwann auf seinem Lebensweg verloren hat. Er sucht sein Herzklopfen.“ Dank Maudi findet er es wieder, „das so kostbare Herzklopfen“. In ihrem Beisein überfährt er mit seinem weißen Thunderbird nächtens einen Penner, bis dessen Knochen „knacksen wie Äste“. Danach geht es ihm deutlich besser: „Er bekam Herzklopfen, und das Herzklopfen berauschte ihn.“

Auf andere Männer wirkt sich Maudis Anwesenheit nicht ganz so mörderisch, aber nicht weniger herzergreifend aus. Der brave Bauer Georg Moll aus Grind etwa, der die Kleine im Krankenhaus besucht, spürt sofort, „daß er in der Lazarus-Klinik sein Herz verlegt hat“, während schwächere Wesen, wie etwa der Bobtail Bipo, Maudis versehrende Präsenz nicht ertragen können. Der arme Hund verendet augenblicklich.

Sogar Mozarts Musik verändert sich merkwürdig unter Maudis Einfluß, beispielsweise die „Figaro“-Ouvertüre, „wo die Musik vom rechten Vorhof des Herzens in die rechte Kammer schießt, zum linken Vorhof zurückkehrt, zur linken Kammer und von dort in die Aorta, wo das Metrum so heftig wirkt, daß sein Widerhall in sämtliche Gewebe des Körpers dringt, um hernach zu den Hohlvenen zurückzukehren. Und das alles mit einem Herzschlag.“

Wer solche Wunder vollbringt, der muß übernatürlich begabt sein. In der Tat: Maudi ist ein Engel, ein „endloser, unerträglicher und unsagbarer Geist“, eine „Luftgängerin“. Ein Luftgänger aber ist „ein Mensch, der nur auf sein Herz hört“. Und wie es Engeln zukommt, legt Robert Schneider seine Heldin zwiegeschlechtlich an: „Maudi ist ein Mann, der phänomenologisch eine Frau ist. Ehe Maudi ein Mann war, war sie ursächlich Frau.“

Nicht daß dieses sonderbare Gebrechen — „Syndrom der testikulären Feminisierung“, wie uns der Autor pedantisch informiert — für den Fortgang der Geschichte den allergeringsten Belang hätte. Die Geschichte hat gar keinen Fortgang, weil der Autor nicht in der Lage ist, eine Fabel samt Figuren und plausibler Handlung herzustellen. Die Figure bleiben entweder undeutlich oder krasse Karikaturen, die Fabel kann sich nicht entschließen, welchen Weltentwurf sie uns eigentlich vorlegen will, und verkleckert irgendwo zwischen Heimatroman und Kulturbetriebssatire, Krimihandlung und Mentalitätsposse aus der österreichischen Provinz, Heiligenlegende und der Familiensaga zweier rheintalischer Textil-Dynastien. Außerdem werden Mordkomplotte geschmiedet, es geschieht der Untergang des Hauses Latuhr, ein grelles, apokalyptisches Bürgerkriegs-Finale bricht herein und macht dem wüsten Sprachgestümper eines unsäglich mißratenen Romans ein schreckliches, aber verdientes Ende.

In Kenntnis von „Schlafes Bruder“ ahnt man natürlich, worauf Schneider mit seiner „Luftgängerin“ hinauswollte. Auf Erbauung und Erleuchtung, auf Sinnstiftung durch Literatur, hier und jetzt sofort. Die Liebe als göttlicher Schöpfungsfunke sollte gefeiert werden, wie in „Schlafes Bruder“ die Kunst. Die Luftgängerin sollte durch intuitive Berührung die Welt zum Aufleuchten bringen, im Guten wie im Bösen. Ein Engel der Unmittelbarkeit, des spontanen Überschwangs sollte diese Maudi sein, eine Allegorie der Lebensintensität, ein Wesen, heimgesucht von übermächtigen Emotionen, von metaphysischen Wallungen, kosmischen Liebesrasereien und Allumschließungsgefühlen.

Robert Schneider wollte Botho Straußens Zivilisationskritik, Peter Handkes Arbeit an profanen Erleuchtungen nacheifern und der Welt ein Liebesevangelium der großen Gefühle verkünden, in „entzauberter Zeit“. Zu mehr als Kitsch und Gestammel hat es leider nicht gereicht.

Robert Schneider:
Die Luftgängerin

Roman; Karl Blessing Verlag, München 1998;
351 S., 42,90 DM



© 1998 Sigrid Löffler


Die Wiedergabe des Artikels auf dieser WebSite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin, dankenswerterweise vermittelt von Ruth Viebrock bzw. Ursula Knudtsen (beide DIE ZEIT). Hier ist ein Link zur Homepage der Wochenzeitung:
DIE ZEIT im Internet
DIE ZEIT.

Den Besuch der WebSite dieser Wochenzeitung kann man nur empfehlen. Das Layout ist ansprechend und übersichtlich, der Inhalt zum Teil speziell für die Internet-Ausgabe ausgearbeitet.
- Peter Ringeisen -


zum Seitenanfang