03.01.98
SZ am Wochenende

Magisch werden – aber wie?

Robert Schneider will in seinem zweiten Roman „wieder einem Engel entgegenfallen“

ROBERT SCHNEIDER: Die Luftgängerin. Roman. Karl Blessing Verlag. München 1998. 352 Seiten, 42,90 Mark.

Das zweite Buch ist das schwerste, erst recht wenn der Erstling ein geradezu märchenhafter Erfolg war. Robert Schneiders Roman Schlafes Bruder, 1992 im Leipziger Reclam Verlag erschienen, war einer – und das, nachdem 23 Verlage das Manuskript des 1961 in einem österreichischen Bergdorf geborenen Anfängers abgelehnt hatten! Allein von der deutschsprachigen Ausgabe sind bisher 1,3 Millionen Exemplare verkauft worden, und der Roman, der bereits in 24 Sprachen übersetzt worden ist, diente als Vorlage für eine Oper, ein Ballett und einen Film.

Quer zu allen ungeschriebenen Geboten und Verboten des Literaturbetriebs und mit erstaunlichem Wagemut hat Robert Schneider die Geschichte des Bauernsohnes und begnadeten Musiker Johannes Elias Alder erzählt, der „zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen“.

Nun ist Schneider aus den raunenden vorarlbergischen Wäldern, aus der holzschnitthaften Kargheit eines Bergdorfs hinabgestiegen ins Rheintal, in die Stadt Jacobsroth auf der österreichischen Seite des Flusses. Aus der Vormoderne wechseln wir in die Moderne, die sich wie überall zeigt: Eine Autobahn zieht sich durchs Tal, es gibt einen gewissen Wohlstand, der allerdings zunehmend durch Arbeitsplatzverlust gefährdet wird. Türkische Arbeiter wohnen mit ihren Familien in den ärmeren Vierteln, eine private Fernsehstation sendet den üblichen Quatsch, das Leben geht seinen, alles in allem, geruhsamen Gang. Matte Gegenwart also, die, wie vielleicht jede Gegenwart, des Zaubers entbehrt.

Robert Schneider bleibt auch in seinem zweiten Roman waghalsig. Er läßt sich auf die entzauberte Welt ein, will offensichtlich sogar eine Art Zeitenpanorama am Beispiel der (fiktiven) Stadt Jacobsroth und ihrer Einwohner zeichnen, vor allem aber will er den schnöden Alltag mit Zauber und Magie aufladen. In einer Art Präambel zu seinem Roman erklärt der Autor, er wolle „nicht länger die Hoffnungslosigkeit verehren, nicht länger die Wertlosigkeit aller Werte veranschlagen . . . Nicht mehr mächtig sein und bestaunt und uneinnehmbar für jeden.“ Und dann ganz entschieden: „Wieder einem Engel entgegenfallen.“

Der Engel ist ein Mädchen, heißt Maudi Latuhr, und erzählt werden soll von ihrem „Wirken in entzauberter Zeit“, vom „Leben des letzten Herzmenschen von Jacobsroth“. Kein leichtes Unterfangen, denn wir zeitgenössischen Leser sind skeptische und ganz diesseitige Menschen, die sich gleichwohl gerne von einem Engel bezaubern und verführen lassen würden. Maudi nun, 1970 geboren, erweist sich als ein sehr diesseitiger Engel, der gutbürgerlich aufwächst und wenig Geheimnis mit sich trägt. Ihr Vater Ambros Bauermeister ist ein harmloser Exzentriker, der, ohne je Geld zu berühren und ohne je zu bezahlen, durch die Welt kommen will. Da er früh aus der Geschichte und aus dem Leben seiner Tochter verschwindet und erst spät wiederkehrt, erfahren wir wenig von seinen Abenteuern. Immerhin hat er für Maudi eine Art Lebensentwurf geprägt: Sie ist für ihn eine „Luftgängerin“, ein Mensch der durch die Lüfte gehen kann, weil er vor nichts und niemandem Angst hat. Und außerdem hat er ihr eine Halbschwester zurückgelassen, Esther, die eine Art Spiegelbild von Maudi ist.

Luftgängerin im luftleeren Raum

Kindheit und Pubertät der beiden Mädchen verlaufen mit den üblichen Auf- und Abschwüngen, und wie im richtigen Leben geschieht nichts richtig Aufregendes: Die beiden Mädchen ziehen sich zurück in eine Hütte im Park des Elternhauses, sie schwärmen ein bißchen, sie fragen sich, was alles auf sie zukommen wird. Und was ist mit der „Luftgängerin“? Maudi spricht manchmal unvermittelt in Zungen, allerdings keine prophetischen Worte; sie wiederholt zuvor Gehörtes übermäßig schnell. Immerhin verendet bei diesen Vorfällen einmal ein Lamm und ein anderes Mal ein Hund.

Seien wir offen: So richtig zaubrisch und geheimnisvoll mutet uns das nicht an. Und auch wenn wir im Gang des Erzählens erfahren, daß Maudi phänomenologisch zwar eine Frau ist, in ihrem Körper aber ein Mann steckt, läßt uns das eher kalt. Das „Magischwerden“ von Menschen und Natur, „das Aufleuchten der Seele mit plötzlich hundertfacher Helligkeit“, das Schneider beharrlich beschwört, will nicht so recht gelingen.

Und als spürte er, daß sich seine Luftgängerin in einem ziemlich luftleeren Raum bewegt, versucht er, seiner Geschichte auf andere Art Farbe und Spannung zu geben. Neben Satire und recht altbackener Kulturkritik baut er auch auf Krimispannung: Wer zum Beispiel hat Maudi eines Tages überfallen und fast zu Tode gequält? Und auch als Seelen- und Heimatkundler betätigt sich Schneider. Die Verfassung des rheintalischen Menschen liegt ihm sehr am Herzen, und wir erfahren, daß es in dessen Heimat zugeht wie in jeder Provinz und überhaupt auf der Welt: „Wenn im Rheintal plötzlich eine Seele aufleuchtet, ertrinkt das Gegenüber in Neid.“

Schneiders Problem liegt nicht darin, daß er zu wenig Stoff hätte. Im Gegenteil: Immer neue Geschichten bietet er an, doch keine führt er ganz aus. So steht das meiste recht unvermittelt nebeneinander, die Figuren bleiben schemenhaft oder werden zu Karikaturen verzerrt.

Ein großes Durcheinander herrscht in diesem Roman; zu einem fröhlichen, erkenntnisfördernden Chaos lichtet es sich nie. Da helfen auch keine zärtlichen Engel und Teufel und schon gar nicht die Abstürze, die Maudi am Ende der Jugendzeit erlebt, wenn sie als reine Törin in Schmutz und Gemeinheit wie eine neue Katharina von Siena ihr demutsvoll liebendes Werk an den Ärmsten der Armen vollbringt und vom Autor wie auf einem Heiligenbildchen präsentiert wird.

Die Sprache, in der diese Ereignisse erzählt werden, wirkt erstaunlich ungerührt. Selbst in Momenten höchster Verzückung klingt sie eher banal: „Die beiden begannen sich auszutauschen“, heißt es, nachdem zwei ihre Liebe erkannt haben. Und eine Zäsur im Leben Maudis wird so angekündigt: „In der Gesamtschau dessen, was sich in diesem Leben an Ungeheuerlichkeiten ereignen sollte, ist dieser Vorfall als ein erstes Wetterleuchten zu begreifen.“

Mit einem apokalyptischen Knall sprengt Schneider dann Jacobsroth und seine eigene Geschichte in die Luft: Skinheads fahren mit dem Panzer in die Stadt ein und schießen wild um sich, Plünderung und Brandschatzung nehmen ihren Lauf. Und der Verdacht drängt sich auf, daß Schneider hier ein grundlegendes Exempel statuieren wollte: Wenn sich Welt und Buch nicht magisch aufladen lassen, dann haben sie’s halt nicht besser verdient. Den Schaden hat aber der Leser.

CLAUS-ULRICH BIELEFELD

© 1998 Süddeutsche Zeitung


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