Aus der SonntagsZeitung vom 14.12.97

Schlafes Bruder bekommt eine Schwester

Robert Schneiders "Luftgängerin" sorgt schon vor der Veröffentlichung für Aufregung - Ganz im Sinn des genialen Selbstdarstellers

VON CHRISTINA GUBLER

Die PR-Maschinerie dreht, die Gerüchteküche brodelt: Robert Schneiders zweiter Roman "Die Luftgängerin", der Anfang Januar erscheint, gibt bereits jetzt derart viel zu reden, dass selbst ungnädige Kritiken seinen Aufstieg in die Bestsellerlisten nicht verhindern könnten.

Angefangen hat es bereits im vergangenen Juli. Kaum lag der neue Roman von Erfolgsautor Robert Schneider auf dem Verlagspult bei Blessing fertig vor, kam vom Schauspielhaus Zürich die freudige Meldung: "Die Urlesung" des mit Spannung erwarteten Werks mit dem geheimnisvollen Titel "Die Luftgängerin" werde am Sonntag, 25. Januar 1998 um 11.00 Uhr im Foyer der Pfauenbühne stattfinden, dargeboten vom Autor selber.

Schnell reagiert und nicht zu früh. Denn bereits Wochen vor dem Erscheinungstermin Anfang Januar reißt sich alles um "Die Luftgängerin" und um ihren Schöpfer. Das österreichische Nachrichtenmagazin "News", das in den vergangenen Jahren ohnehin dafür gesorgt hat, dass der Name des dank seines Erstlingsromans "Schlafes Bruder" (1992) zu Ruhm, Ehren und Geld gekommenen Robert Schneider in aller Munde blieb, gab Anfang Dezember mit einem ausführlichen Interview und ersten "exklusiven" Textproben den Startschuss. Nächste Woche wird das deutsche Nachrichtenmagazin "Focus" folgen, und auch die Illustrierte "Stern" sowie die Frauenzeitschriften "Vogue", "Elle" und "Brigitte" werden demnächst veröffentlichen, was sie bei ihrem Besuch bei dem 36jährigen in New York gesehen und gehört haben.

Selbst schlechte Rezensionen werden einen Erfolg nicht verhindern können

Dorthin, in die pulsierende Weltmetropole, in der es sich schön anonym leben lässt, hat sich der Millionär aus dem Vorarlberger Nest Meschach bei Götzis bis zum Ende des Jahres zurückgezogen. Nicht etwa, weil er vor dem Rummel geflohen sei, teilte er der SonntagsZeitung per Fax mit, sondern, weil er dort bereits für ein neues Buch recherchiere, das in New York spiele. "Seien Sie sich dessen gewiss, dass ich mich im Jänner der Schlacht um mein Buch stellen werde", schrieb er weiter. "Ich muss vor nichts Angst haben, vor keinem Kritiker. Angst müsste ich höchstens vor einem Buch haben, hinter dem ich nicht stehen kann."

Bange machen könnten ihm auch die rund 800 000 Franken, die er angeblich als Vorschuss für "Die Luftgängerin" erhalten haben soll. Dass das Buch dem Verlag das Geld nicht wieder einbringt, wird freilich kaum der Fall sein. Immerhin ist von den 100 000 Stück Startauflage bereits die Hälfte vorbestellt, im deutschsprachigen Gebiet an die 200 Lesungen vorgesehen, Verhandlungen mit großen TV-Talkshows angezettelt - und ein Angebot für die Verfilmung der "Luftgängerin" ist ebenfalls schon eingegangen. Unter solchen Voraussetzungen könnten selbst schlechte Rezensionen dem Absatz des Buches kaum Abbruch tun.

Beruhigend für den Verlag: Denn Angriffsflächen für saftige Verrisse bietet "Die Luftgängerin" mehr als genug. In der 350 Seiten langen Geschichte von Maudi, der engelsgleichen und dennoch angsteinflößenden Tochter der Amrei Mangold und des Ambros Baumeister, nimmt sich Schneider die großen Themen Sehnsucht und Liebe, aber auch seine Heimat, den Vorarlberg und seine Bewohner, vor. Es ist eine ausufernd wuchernde, fast maßlose Chronik über die Zeit von 1969 bis 2000 mit reichlich seltsamem Personal und unheimlichen Begebenheiten. Geschrieben ist sie in altertümlich-manieristischer Sprache, die an "Schlafes Bruder" erinnert. Dass der eine oder andere Kritiker über das aus den Fugen geratene Buch den Stab brechen dürfte, liegt indes nicht nur an der "Luftgängerin" selbst. Seit dem fast nicht enden wollenden Höhenflug von "Schlafes Bruder" - das Werk wurde als Ballett und als Oper auf die Bühne gehievt und in einem schwülstigen 12-Millionen-Filmepos von Joseph Vilsmaier verewigt - hat sich Schneider unbekümmert über alle Gepflogenheiten der Literatenzunft hinweggesetzt. Anstatt still im Elfenbeinturm auf Lob und Tadel zu warten, hat er für die künstlerischen Folgeprodukte seines Buches munter selbst die Werbetrommel gerührt - und sich dabei derart in Szene gesetzt, dass etwa Herbert Willi, der stille Komponist der "Schlafes Bruder"-Oper, in Presse- und Fernsehinterviews regelrecht um Aufmerksamkeit kämpfen musste.

Auch im Vorfeld der "Luftgängerin" hat Selbstdarsteller Schneider - "ich bin in Dornbirn bekannter als Marlon Brando" - für kritische Schlagzeilen gesorgt. Denn seinen Wechsel zum deutschen Blessing-Verlag, der ihn mit einem fürstlichen Vorschuss angelockt hatte und in teuren Hotelzimmern nächtigen ließ, geißelten einige Kritiker als allzu größenwahnsinnig und geschäftstüchtig. Robert Schneider sieht's pragmatisch: Für den Schweizer Ammann-Verlag, dem er die "Luftgängerin" ursprünglich versprochen hatte, sei er einfach "zu groß", sagte er zu "News".

"Die Luftgängerin" entpuppt sich als Abrechnung mit der Heimat

Besonders schlecht kommen Schneiders Erfolg und seine flapsigen Sprüche in seiner Heimat an. Dort kursierten in diesem Jahr Gerüchte, er habe eine ehemalige Miss Austria bedrängt. In der Folge verunglimpfte Kulturkritiker Claudius Baumann in einer Glosse in der "Neuen Arlberger Tageszeitung" den Autor als "Missengrabscher", "kleines Arschloch" und "penisneidiges Schneiderlein". Schneider, der sich vom Kulturbetrieb und der Kulturberichterstattung in Vorarlberg seit jeher schlecht behandelt fühlt, zog die Konsequenzen: "Ich werde in Vorarlberg nicht mehr lesen, und ich werde hier in keinem Medium mehr auftreten", teilte er im vergangenen April schriftlich mit.

Die richtige Schneidersche Retourkutsche kommt aber erst jetzt: mit der "Luftgängerin". Die "Liebeserklärung an die rheintalische Welt" (Schneider) entpuppt sich beim Lesen nämlich bald als Abrechnung mit der Region und gewissen Leuten. Der Schauplatz der Geschichte, das fiktive Jacobsroth, ist leicht als Dornbirn, das Möchtegern-Intellektuellen-Café "Grauh" als das Dornbirner Café "Steinhauser" zu erkennen. Und Egmont Nigg, "der größte Fettwanst, den das Rheintal je hervorgebracht hat" und "Kulturkritiker bei der "Tat"", den die Leser auf einem Sofa onanierend und am Schreibpult dilettierend erleben? "Das bin ich", bestätigt Claudius Baumann.

Der Kritiker nimmt's gelassen und möglichst mit Humor. Indes, er hat schon einen neuen Coup eingefädelt: Verschiedenen Literaturkritikern hat er den Schluss des unveröffentlichten, aber dank verschiedenen Lesungen in Schneiders Heimat nicht unbekannten Roman "Andrea" des Vorarlbergers Kurt Bracharz zugestellt. Die Lektüre soll beweisen, dass Schneider das Motiv der hermaphroditischen Maudi dort geklaut hat. Eine weitere Spekulation, die der "Luftgängerin" vermutlich mehr nützen als schaden wird.

© 1997 SonntagsZeitung


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