Neue Zürcher Zeitung/FEUILLETON vom Samstag, 10.01.1998 (Nr. 7/47)

Seelenschwulst

Robert Schneiders Roman «Die Luftgängerin»

Nun plötzlich reibt sich alle Welt die Augen, dabei hätte man es bereits 1992 wissen können: Das Talent des Robert Schneider reicht bestenfalls zum Trivialschriftsteller. Frappierend an der Rezeption seines damaligen Bestsellers «Schlafes Bruder» war weniger die Illusionsbereitschaft, mit der sich ein emotional bedürftiges Massenpublikum am x-ten Aufguss von Dorfhölle und Bergeshöh, Genie und Wahnsinn, unerfüllter Liebe und Tod berauschte, als die Besinnungslosigkeit eines überwiegenden Teils der Kritik, die das mittlerweile 1,4 Millionen Mal verkaufte Buch als literarischen Wurf feierte (wobei den über zwanzig Lektoraten seriöser Verlage, die das Manuskript ablehnten, hier endlich das gebührende Lob zuteil werden soll).

Mochten Thomas Bernhard, Franz Innerhofer, Werner Kofler, Gert Jonke und Klaus Hoffer noch so sehr um Sprache und Form für den Abgrund an Herkunft gerungen haben: Erst der Vorarlberger Robert Schneider (Jahrgang 1961) lieferte das, was man sich offenbar immer unter österreichischer Antiheimatliteratur vorgestellt hatte, aber nie zu fordern gewagt hatte - postmodern aufgemotztes Biedermeier. Die Legende vom Bauernbuben und Musiker Johannes Elias Alder, dem vor absolutem Hören und Fühlen das Sehen vergeht, setzt gleichermassen auf New Age und Herzschmerz, Nostalgie und Kunstfrömmigkeit. Film, Oper, Ballett rissen sich um den Stoff, es regnete Auflagen, Übersetzungen und (internationale) Auszeichnungen - so den Marieluise- Fleisser-Preis für Autoren, «die den Konflikt zwischen unerfüllten Glücksansprüchen und alltäglichen Lebenswelten zum zentralen Thema haben». Allein, hält nicht der Groschenroman dieses Feld besetzt?

Medialer Selbstläufer

Mit dem Geld, das ihm in die Taschen fiel, ist Schneider auch der Ruhm zu Kopf gestiegen. Das neue Manuskript anpreisend, pokerte er hoch, die Bertelsmann-Tochter Blessing mutete sich eine knappe Million Mark Vorschuss samt Zusicherung von Luxuslimousinen und Viersternehotels bei Lesetourneen zu (und dürfte dafür am Lektorat gespart haben). Und siehe da, die PR-Maschine läuft wie geschmiert: «Die Luftgängerin» entwickelte sich Ende 1997 zum medialen Selbstläufer; Nachrichtenmagazine standen Schlange für Homestories, die Sperrfrist für Rezensionen wurde von bunten Blättern nachgerade routinemässig durchbrochen.

Der Text ist das Brimborium nicht wert. Erneut hat Schneider tief in die Mottenkiste des Zeitgeistes gegriffen - und Engel, Androgyne, Drogen- und Fernsehjunkies, Neonazis, eine Mini- Apokalypse sowie (nach Belieben) erhabene Gefühle zutage gefördert. Verpackt ist dies alles in eine Vorarlberger Familiensaga, die die sechziger Jahre bis zur Jahrtausendwende umfasst, was Schneider viel Zeit und Gelegenheit gibt, über den «rheintalischen Menschen» im allgemeinen und im besonderen über jene zu räsonieren, mit denen er im «Ländle» noch eine Rechnung zu begleichen hat. Unschwer ist «Die Luftgängerin» als Schlüsselroman zu erkennen: Der Schauplatz Jacobsroth gleicht in vielem Feldkirch, das Monopolhetzblatt «Die Tat» karikiert die Vorarlberger Nachrichten und der Gross-Kleinkritiker Egmont Nigg deren Kulturredaktor - weiteres werden zweifellos die Lokalhistoriker klären.

Gewiss, das ist nicht ohne (schwerfällige) Ironie gemacht, doch merkt man die denunziatorische Absicht und ist verstimmt. Peinlich intim wird's auch, wenn Schneider in einer grossspurig- larmoyanten Vorrede signalisiert, dass mit dem «letzten Herzmenschen von Jacobsroth», dem Engel Maudi Latuhr, seine Ex-Freundin gemeint sei. Im Verhältnis zur Ankündigung gestaltet sich das Wirken dieser «Magierin in entzauberter Zeit» allerdings blass. Die Figuren - von Maudis Vater, einem ewig pubertären Achtundsechziger, der sich dem System mit einer Geldallergie verweigert, über die «fabelhaft aussehende» Tante Ines bis zum zynischen Onkel Harald mit dem «verlorenen Herzklopfen» - sind blosse Träger ihrer Eigenschaften. Metastasenartig wuchern die Episoden, wobei der Abstieg der Textilfabrikantenfamilie Latuhr fast so viel hergibt wie das Wetter, das der Autor nicht müde wird zu bemühen. Der schönen Seele und dem hermaphroditischen Engel Maudi bleibt wenig mehr, als ganz schön schrecklich zu sein (der Autor kennt seinen Rilke): mit Anfällen von Liebesraserei, die manch Zukurzgekommenen rettet, aber auch allerhand Kleinvieh zur Strecke bringt.

Eine Kulturgeschichte des Rheintals entsteht durch die Jahre. Das könnte durchaus reizvoll sein, setzte Schneider nicht immer nur aufs Evidente (wie die Baueuphorie der sechziger, die No-Future-Stimmung der siebziger, den Hedonismus und Multikulturalismus der achtziger, den Globalismus und die neue Armut der neunziger Jahre) und würde er dies nicht mit erhobenem Zeigefinger tun. Kaum eine Weisheit zu platt, um nicht pathetisch verkündet zu werden. Nicht zufällig gibt der allwissende Erzähler ständig (apodiktische) Kommentare von sich: die Fähigkeit, die Dinge selber zum Sprechen zu bringen, geht Schneider schlichtweg ab. Müsste er sonst den Kunstcharakter des Romans in einer Vorbemerkung eigens betonen? «Die Handlung dieses Buches ist Erfindung. Innerhalb dieser Erfindung ist es wahr.»

Surrogat

«Die Luftgängerin» ist ein einziges Surrogat. Je mehr der Text aufs grosse Ganze hinaus will, desto weniger trifft er etwas; je mehr Wunder er aufbietet, desto mehr schwindet ihm das Geheimnis. Einen doppelten Boden sucht man vergebens, dafür wird sprachlich dreifach und vierfach dick aufgetragen. Metaphern und Vergleiche überbieten sich: sind sie nicht reine Konfektion, sind sie oft krud oder schlicht falsch. Ob neudeutsch oder altväterisch: zwanghaft wird drauflos poetisiert. Neonlicht «staubt ins Zimmer», der Himmel «gelbt und bläut», Verkehrsampeln «grünen und röten», geküsst wird «zungig» oder gar «tiefzungig». Maudi ist «blessiert» und «hat ihre Schweigsamkeiten, sprach kaum zwei Worte des Tags». Notfalls hilft zur Charakterisierung von Figuren Musik weiter, Mozarts «Figaro»-Ouverture etwa (ab dem «250. Takt»!), «wo sich die Noten gleichsam selbst in den Kosmos hinaus katapultieren». Sprachskepsis soll das wohl signalisieren. Fehlt nur noch, dass der kommenden Bertelsmann-Buchklub-Edition eine CD beiliegt.

Wenig bis nichts stimmt an diesem Roman - komme immer noch einer und sage, dies sei gewollt. Robert Schneider selber ist ein «Luftgänger» - getragen von jenen, die im reinen Seelenschwulst den «Glanz von endgültigem Wissen» zu haben meinen. Gefühle ohne Gedanken aber sind blind. Noch dümmer als der Kitsch ist der antiintellektuelle Affekt, auf den der Autor offen setzt. Was, wenn nicht eine Feuilleton-«Verschwörung», könnte diesen Irrläufer stoppen?

Andreas Breitenstein

Robert Schneider: Die Luftgängerin. Roman. Karl-Blessing- Verlag, München 1998. 351 S., Fr. 39.50.

Am Sonntag, 25. Januar, um 11 Uhr beglückt Robert Schneider im Schauspielhaus Zürich seine Fans mit der «Urlesung und zugleich schweizerischen Erstlesung» aus seinem Opus.




© 1998 NZZ online



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