Aus dem Kurier vom 21.12.97

Dieses Buch wird ungeheuerlich sein

KURIER-Gespräch mit dem Autor Robert Schneider über seinen Anfang Jänner erscheinenden Roman: "Die Luftgängerin" (Anita Pollak)

„Dieses Buch wird ungeheuerlich sein von der Wirkungsgeschichte und das betrifft nicht nur die Verkaufszahlen“, ist Robert Schneider überzeugt.

Um den Erfolg seines jüngsten Romans Die Luftgängerin vorauszusehen, muß man kein Prophet sein. Nach dem Bestseller Schlafes Bruder war dem zu Bertelsmann gehörenden Blessing-Verlag Schneiders zweiter Roman angeblich einen Vorschuß von 10 Millionen Schilling wert. 40.000 Vorbestellungen lassen ahnen, daß dies keine Fehlinvestition sein wird. Perfekt getimed ist die Werbemaschine angelaufen. Am 2. Jänner soll das Buch des Jahres 1998 erscheinen und Magazine, die News machen, sind voll auf den Werbezug gesprungen, bzw. in den Flieger nach New York, wohin sich der Vorarlberger zwecks schwererer Erreichbarkeit zurückgezogen hat.

„Ich wollte noch einige Monate mit der Luftgängerin, mit meinem Kind, ganz allein sein, die Wahrhaftigkeit des Buches noch einmal prüfen und Ruhe haben.“

Wenn diese nicht gerade von Journalisten gestört wird, schreibt Schneider in New York an seinem dritten Buch mit dem Arbeitstitel „Geographie der Nacht“, das gemeinsam mit den beiden anderen eine „Rheintalische Trilogie“ bilden soll. In New York läßt der vorausblickende Schneider daher die im heimatlichen Vorarlberg angesiedelte Luftgängerin enden.

„Ich bin besessen von meiner Heimat, ich bin verrückt nach Vorarlberg.“

Im fiktiven Dorf Jakobsroth, in dem der Roman spielt, spiegelt sich, für ortskundige Insider unschwer erkennbar, Schneiders unmittelbare Heimat samt ihren nicht immer schmeichelhaft gezeichneten Protagonisten. Ein Schlüsselroman als Abrechnung mit der Vorarlberger Medien- und Kulturszene, von der sich Schneider schlecht behandelt fühlt?

„Meine Bücher sind immer eine Abrechnung. Ich arbeite mit Figuren, wo es lebende Vorbilder gibt, wie Thomas Mann auch. Aber neben den persönlichen Biographien interessiert es mich, aus dem Kleinen das Ganze herauszuarbeiten, den Typus also. Meine Grundhaltung ist, ich liebe die Menschen, ich bin besessen von meinen Figuren. Ich selbst fließe ja in alle meine Figuren ein, ich selbst kenne die Kleinheit des Herzens.“

Ein großes Herz hat hingegen die Luftgängerin Maudi, ein mädchenhafter, aber geschlechtsloser Engel. „Es ist die alte Vorstellung, daß ein Engel weder Mann noch Frau ist, andererseits ist bei mir das Englische auch das Aufleuchten der Seele, d.h. das Sich-Entzünden-Können für einen anderen Menschen. Maudi liebt ja, ohne geliebt zu werden.“

Steht die Sinnlichkeit, die Erotik, der Güte im Wege?

„Es ist eine wunderbare Idee des Lieben Gottes, es dem Menschen leichter zu machen, den anderen zu lieben, indem er uns die Erotik geschenkt hat. Es geht aber um mehr als den Körper, es geht um die Seele.“

Daß Schneider sich nicht als einziger dem Engel-Thema zugewandt hat, daß Engel derzeit geradezu Konjunktur haben, will er nicht wahrgenommen haben. Aber:

„Es herrscht eine unglaubliche Sehnsucht nach etwas Numinosem. Fast wäre es ja geglückt, aus Diana einen Engel zu machen.&0147; Ein „Korrektiv“ in der Hinwendung zum Irrationalen ist für Schneider der Schmerz, den er in den Mittelpunkt des Romans rückt.

„Der Schmerz ist das letzte Tabuthema, das es gibt. Würde Die Luftgängerin nicht vom Schmerz handeln, wäre es ein Buch für die Esoterik-Schiene. Meine Kombination von fotografisch genauer Darstellung und irrealen Elementen bietet keine Antworten, sondern stellt Fragen“.

Vor großen Worten, vor dem Pathos, hat Schneider, der eine altertümelnde Sprache zelebriert, keine Angst.

„Daß ich ein großes sprachliches Register beherrsche, heißt nicht, daß es eine altmodische Sprache ist. Es ist doch eine Vermessenheit, einem Autor eine Sprache vorgeben zu wollen. Freilich ist da ein ungeheures Pathos, aber das ist gerechtfertigt, wenn man mit Leib und Seele dahintersteht. Wichtig ist die Ironie, die ich dagegensetze. Pathos ohne Ironie ist unmöglich. Ich verstehe, wenn Menschen Schwierigkeiten mit dem Pathos haben. Bei den Nazis wurden große Worte ja mißbraucht.“

Große Worte spricht Schneider ganz gelassen aus.

„Ich bekenne mich zu meinen leidenschaftlichen Gefühlen. Ich würde für Die Luftgängerin sterben.“

Vorher aber kommt er zum Start des Buches heim, obwohl es ihn angeblich nicht interessiert, was darüber geschrieben wird.

„Dieser Roman wird selber um sich selber kämpfen. Aber wenn das los geht, will ich dabei sein. Und am 26. Jänner lese ich zur Präsentation im Akademietheater.“

Die Filmrechte für Die Luftgängerin hat Schneider bis ins Jahr 2000 gesperrt.

„Vilsmaier hat angefragt, aber ich glaube nicht, daß das Buch so verfilmt werden sollte wie Schlafes Bruder. Es braucht einen Regisseur, der den Schmerz darstellen kann. Vielleicht ist es überhaupt unverfilmbar.“

„Die Luftgängerin“ oder: Geh, wohin dein Herz dich trägt ...

Ihr schneebereiften, fünfgeschossigen Tannen, euch gehört das Buch, das ich schreibe.

Wer nach dieser Widmung weiter liest, kann wohl kaum sagen, er wäre nicht gewarnt worden.

Die Geschichte der Maudi Latuhr und ihrer rheintalischen Welt erzählt Robert Schneider in seinem neuen Roman, also eigentlich zwei Geschichten. Die der titelgebenden Luftgängerin Maudi und die ihrer, seiner Heimat, soweit er (Jahrgang 1961) sie bewußt erlebte, also von den späten 60ern an. Das Rheintal in den Ausläufern der Konjunktur, die vorerst noch blühende, später verfallende Textilindustrie und ihre verarmenden Fabrikantendynastien, die Öffnung zum Rest der Welt — italienische und indische Lokale, Fremdarbeiter ziehen ein, die Jungen ziehen laut aus, kehren leise zurück und schneiden weiter an den Thujenhecken.

Verstrickt und distanziert, ironisch-liebevoll und mit viel Bodenhaftung hat Schneider eine kleine Welt als pars pro toto gezeichnet. So weit, so geglückt.

Das Unglück kommt in Gestalt eines Engels und all dem Übersinnlichen, das mit dem Unsinnlichen einhergeht. Geschlechtslos ist Maudi, die Frucht einer anfangs keuschen, später tragischen Liebe zwischen dem dahergelaufenen Kunsthistoriker Ambros und Amrei, Tochter einer nobel zugrundegehenden, rosenzüchtenden Erbin, die ihr Leben aus dem zitzerlweisen Verkauf der Kunstsammlung fristen muß.

Ein Stoff, aus dem billigere Romane sind.

Gar nicht ungeschlechtlich ist Esther, Maudis seitenentsprungene Halbschwester, an deren punkiger Jugendliebe Schneider wacker zeigt, daß er nicht nur die hohe Minne, sondern auch den soften Porno kann.

Als unirdischer Un-Mensch weder Mann noch Frau, hebt der Mädchen-Engel in den Luftraum ab.

Ein Lufgänger ist ein Mensch, der nur auf sein Herz hört. Er gehorcht niemandem auf der Welt. ...Und weil er keine Angst hat und immer auf sein Herz hört, kann er durch die Lüfte gehen.

Wer wollte das nicht können oder zumindest jemanden kennen, der das kann! Einen Engel, der liebt, ohne Liebe zu fordern, in den Stuben einsamer Männer Marillenknödel zubereitet, ach ja!

Diese Herzensbotschaft des letzten Herzmenschen aus dem rosenumflossenen Herzenshaus in Jakobsroth wird die Herzen der herzenssehnsüchtigen Leser erreichen. Die boshaften Seitenhiebe auf die böse Medienwelt werden sich die Herzensguten einfach nicht so zu Herzen nehmen. Das Böse muß dafür in einem kollektiven Amoklauf, einem blutigen Massaker, böse enden.

Mythisch-raunend, kunstvoll-patiniert klingt die englische Botschaft aus dem fernen Rheintal in die Welt. Ob wir's glauben oder nicht, sie wird gehört werden.


© 1997 Kurier


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