Nebenfiguren in Schlafes Bruder

Nebenfiguren des Romans

Oskar Alder

Oskar Alder, Lehrer der Dorfschule von Eschberg, ist nicht ohne Mitgefühl und praktischen Verstand; denn als ihm auffällt, dass die Alderschen Söhne Fritz und Elias unter der Geistesverwirrung ihrer Mutter leiden, schickt er sie wenigstens zum Essen in ein anderes Haus (S. 53). Doch die folgende Stelle gibt etwas genauere Auskunft über diese Lehrerpersönlichkeit:

Nun war Oskar Alder keineswegs ein strenger Lehrer. Die Rute pfiff selten. Dennoch hatte er einmal ein Lampartersches Kind so grausam zugerichtet, dass es bleibenden Schaden davon trug. Es hatte ihn ohne Arg einen Stierseckel geheißen, worauf er es zu Boden getreten und dort zu einem blutigen Häuflein zusammengeschlagen hatte. Hernach lasen die Mitschüler das Haupthaar von den Dielen und verschlossen die Trophäe stolz in einem tönernden Flacon. Wenn immer der Lehrer das Lampartersche jetzt ansah, es antworten sollte, fing es an zu stottern, und das Stottern blieb ihm zeit seines Lebens. Trotzdem war Oskar Alder kein strenger Lehrer, das ist wahr. (S. 57)

Seine musikalischen Fähigkeiten scheinen, wie seine pädagogischen, begrenzt zu sein. Dies wird zum Beispiel deutlich, als die Dienstfertigkeit des Elias als Balgtreter in der Dorfkirche beschrieben wird:

[...] der Lehrer wurde nicht froh. Er spürte, wie ernsthaft ihn dieser Junge beobachtete. Wie er die Augen zusammenkniff, um den knorrigen Fingern im Manual folgen zu können. Einmal sah er ihn gar die Stirn schmerzlich runzeln, nur weil sich in das E-Dur Töne gemischt hatten, die nicht ins E-Dur gehörten. Oskar spürte, daß diesem Herrgottskerl kein Fehler entging, ja nicht einmal der flüchtigste Finger- oder Pedalrutscher. [...] Der Balgtreter besserte ihm gar sein Spiel aus! Ergänzte mit voller Stimme die holprige Baßlinie, restaurierte eine verpfuschte Phrase im Alt, verzierte die Liedmelodie mit kühnen Durchgängen und Koloraturen, schrie ein verzweifeltes «b», wo der Lehrer wieder ein «h» gepatzt hatte, experimentierte mit prächtigen Tenorvorhalten, ja und dichtete bisweilen gänzlich neue Stimmen in den für Oskar ohnehin schwer faßlichen Liedsatz." (S. 65 f.)



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Haintz Lamparter

Der langjährige Eschberger Mesmer „verlor sein Augenlicht“ (S. 26) bei der Pfingstpredigt des Kuraten Benzer im Jahre 1800 (S. 24 ff.). Fünfzehn Jahre später steht er im Zentrum einer religiösen Hysterie, die dadurch entsteht, dass Elias dem Blinden einen Streich spielt. Von seiner Frau angestiftet, teilt der blinde Haintz mit einem Zaun Ackerland vom angrenzenden Besitz des Alder Seff ab; da spricht ihn Elias mit verstellter Stimme an: «Was sündigst du wider deinen Nachbarn? Ich, der Prophet Elias, heiße dich bereuen!» (S. 59). Haintz Lamparter ist so beeindruckt, dass er ganz zerknirscht um Vergebung fleht, und seine Frau versucht im Folgenden, den eigenen Acker zur Wallfahrtsstätte auszubauen, allerdings vergeblich.



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Haintzin Lamparter

Die Frau des Haintz Lamparter wird, wie die meisten verheirateten Frauen in dieser Zeit, nach dem Vornamen ihres Ehemannes, in diesem Fall „Haintz“, genannt, also „Haintzin“. Die hervorstechende Eigenschaft dieser Frau ist ihre Geschwätzigkeit. Die Haintzin ist zugegen, als Elias nach seiner unglaublichen Mutation zurückkehrt, sie bemerkt den Wandel, der mit diesem Kind vor sich gegangen ist, und der Erzähler fährt fort:

Freilich, sie verließ den Hof nicht ohne das hochheilige Versprechen, keinem ein Sterbenswörtchen von dem Vorfall zu erzählen, weshalb denn auch am Sonntag jedermann neugierig auf die Alderschen Eheleute schielte. (S. 40 f.)

Mit der Ehrlichkeit nimmt es die Haintzin grundsätzlich nicht so genau, weshalb sie eines Tages auch auf die Idee kommt, die Zäune zwischen den Bauernhöfen zu ihren Gunsten zu verrücken (S. 58 ff.).



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Michel Lamparter

Michel Lamparter ist eine der schillerndsten Figuren dieses Romans und die attraktivste Nebenfigur. Zunächst arbeitet er als Köhler, bis zu dem Tag, an dem sein Bruder Warmund betrunken von der Kirchenempore stürzt und sich dabei tödlich verletzt. Die Inschrift auf der Grabplatte ist sein erstes dichterisches Werk („Tevfel warfen ihn hinap / Wein ward sein Grap / R.I.P.“, S. 63), und fortan verspürt er eine „Berufung zum geistlichen Dichter“ (ib.). Selbst die handfeste Opposition seiner Frau kann ihn davon nicht abhalten:

Nachdem sich die Michlerin gefaßt hatte, schlug sie dem Visionär die Faust ins verklärte Antlitz. Er aber ließ sich nicht belehren und wurde ein geistlicher Dichter. (S. 63)

Nach einer Weile, in der er fast ausschließlich von den Almosen der Eschberger lebt, wird er zum Mesmer ernannt und kann dort dem Kuraten ab und zu einen Zettel mit eigenen Werken ins Messbuch schmuggeln (S. 112). Zehn Jahre später, 1825, bestellt er bei einem fliegenden Händler Herders "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" und ist von der Beschreibung Kaliforniens und seiner Bewohner derart fasziniert, dass er beschließt, dorthin auszuwandern:

Das Land des Kaliforniers, wo die Weiber unbekleidet und von schwarzbrauner Haut gestaltet, wo die Menschen allezeit fröhlich waren und wo ewiges Lachen herrschte, dieses Land mußte unser Köhler Michel finden und koste es das Leben. (S. 157)

Er kommt zwar nicht weiter als bis nach Italien und Frankreich; doch als er sich von dort wieder in die Heimatregion zurückgekämpft und im Alter von etwa fünfzig Jahren nochmals geheiratet hat, muss er den fünfzehn Kindern, die er im Laufe der Jahre noch mit seiner Frau hat, „stets aufs neue von jenen geheimnisvollen Schwarzen berichten, den sogenannten Kaliforniern, welchen er vier Jahre als Häuptling vorgestanden hatte“ (S. 158). Abschließend befindet der Erzähler:

Er starb im methusalemischen Alter von einhundertacht Jahren, sein Todesjahr war die Wiege unseres Jahrhunderts. [...] Am Schicksal des Köhler Michel mag man ermessen, welch gewaltige Kraft das geschriebene Wort in jener Zeit noch besessen hat. (S. 159)



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Zilli Lamparter

Zilli Lamparter, genannt Seelenzilli, dient der Veranschaulichung mehrerer Charakterzüge der Eschberger; einerseits zeigt sie selbst eine gehörige Portion Erfindungsgeist, Mutterwitz und Verschlagenheit, andererseits zeigen die Eschberger im Umgang mit ihr eine gehörige Portion Dummheit, Krämergeist und stumpfe Brutalität.
Zunächst macht die greise Witwe den Dorfbewohnern weis, sie stünde in Kontakt mit den Verstorbenen:

Das brachte nun die Greisin auf den Gedanken, ein System zu ersinnen, das einer Art Seelenbuchhaltung glich und ihr indirekt eine geregelte Alterspension einbringen sollte. Sie wußte, daß ein Verstorbener, ehe er ins Paradies eingeht, erst im Fegefeuer brennen muß, und also beschloß sie, einen Katalog all dessen anzulegen, das die Lebenden zur unverzüglichen Rettung ihrer toten Verwandten zu leisten hätten. [...] Es wanderte also eines Tages die Seelenzilli beschwerlich hinunter zum Hof eines Lamparters und eröffnete ihm, daß dessen Vater ihr jammernd und flennend erschienen sei. Der Vater könnte keinen Frieden mehr finden, weil er ihr noch immer die sieben Klafter weiches gehacktes Brennholz schulde. (S. 21 f.)

Im Laufe der Zeit gerät die alte Frau jedoch in den Ruf, eine Hexe zu sein, und sie wird auch beinahe verbrannt; nur der Verdacht, sie sei von der Pest befallen, rettet ihr in letzter Minute das Leben (S. 22 f.).



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Burga Lamparter

Walburga Lamparter hatte einst einen Verlobten, der jedoch „in einem Franzosen-Scharmützel umgekommen“ war (S. 54). Seitdem blieb sie alleinstehend, und der Erzähler kommentiert:

Die Burga liebte die Menschen und das Leben, darum hatte man sie zur Dorfhure gemacht. [...] Die Burga [...] war eine Abtreiberin, das war dorfbekannt. (S. 54)

Burga spielt vor allem eine Rolle im Verhältnis zwischen Elias und Peter, denn Peter benutzt die gutmütige Burga, um seinem Freund zu demonstrieren, wie unwürdig Frauen im Allgemeinen doch seien, und der Streich in der Waldlichtung (S. 124-129) ist der Anlass dafür, dass Peter erstmals deutlich seine homosexuellen Wünsche an Elias zum Ausdruck bringt.



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Der Klerus

Die beiden Kuraten, die Eschberg seelsorgerisch betreuen, sind ebenso wie der Pfarrer von Götzberg, der Vorgesetzte, erschreckende Karikaturen des geistlichen Standes.
Kurat Elias Benzer unterhält einerseits zu mehreren Frauen im Dorf sexuelle Beziehungen (S. 20) und wird so auch Elias' leiblicher Vater, außerdem hat er einen schier unstillbaren Drang, sich selbst mehr Respekt im Dorf zu verschaffen, indem er seiner Gemeinde Furcht und Schrecken vor der Rache Gottes einzuflößen versucht. Das führt so weit, dass er, um eine Pfingstpredigt besonders eindrucksvoll zu gestalten, ein Fässchen Schwarzpulver zünden lässt - es gibt mehrere Schwerverletzte, und der Mesmer Haintz Lamparter verliert sein Augenlicht (S. 26 f.).
Kurat Friedolin Beuerlein, Benzers Nachfolger, hat zwar anscheinend keinen sexuellen Kontakt zur Bevölkerung - aber auch sonst keinen. Er ist dermaßen senil, dass er nicht weiß, ob Weihnachten oder Ostern ist (S. 74), und er verwechselt Requiem und Taufe (S. 85).
Und als sich zwei Eschberger nach Götzberg aufmachen, um sich beim Pfarrer über den Kuraten zu beschweren, müssen sie feststellen, dass es auch um dessen Geist nicht besser bestellt ist. (S. 85 f.)



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Friederich F. B. Goller

Friederich Fürchtegott Bruno Goller, Domorganist und Cantor zu Feldberg, fährt durchs Land, um die Orgeln der Umgegend zu katalogisieren. Er ist zutiefst beeindruckt von Elias' Orgelspiel (S. 161) und lädt ihn - sozusagen im Affekt - zum Orgelwettbewerb nach Feldberg ein; allerdings bedauert er diese Einladung bald wieder:

[Bald] reute ihn die Einladung bitter. Es möchte sich am Ende ereignen, rumorte es im engen Musikerherzen, daß dieser Elias Alder ihm dereinst zum Rivalen wachsen könnte. (S. 163 f.)



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Roman Lamparter

Roman Lamparter, genannt Meistenteils, ist der Künstler von Eschberg, ein Schnitzer, der sehr arrogant auf die Bauern herabsieht, die sich mit den rauen Alltagspflichten abmühen müssen. Dieser Hochmut wird ihm schließlich zum Verhängnis, als die Bauern nach dem verheerenden Brand einen Sündenbock suchen:

[...] trotzdem galt als bewiesen, daß der Schnitzer Roman Lamparter den Brand entfacht hatte. Allzu lang hatten die Eschberger Bauern mitansehen müssen, wie dieser kurzbeinige Mann mit den dichtbuschigen Augenbrauen und den tausend Lachfalten ums Maul ihren Glauben, ihr Leben und Schaffen jeden Tag aufs frechste verhöhnt hatte. Denn er pflegte werktags im Sonntagsgewand daherzugehen, und wenn er jemanden in der Juliglut den Hang rechen sah, trat er zu ihm hin, nahm das Binokel von der Nase, blies Pollenstaub von den Gläsern, kreiselte sein geschnitztes Gehstöckchen durch die Luft, griff in den steifen Kragen und redete als die größte Studiertheit über die Mühen des Bergbauerndaseins. (S. 81)

Der Mord an Roman Lamparter, den eine aufgebrachte Meute begeht, wird zur Ursache einer tiefen Entfremdung zwischen Elias und seinem Vater:

Und Elias vernahm die Stimmen der Mörder, und der, der alle antrieb, hieß Seff Alder. Seff Alder, sein Vater. Sein Vater, den er lieb hatte und der ihn lieb hatte. (S. 84)



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Warmund Lamparter

Warmund Lamparter ist der Vorgänger des Johannes Elias Alder im Amt des Balgtreters in der Kirche. Er scheint ein im Wesentlichen recht unangenehmer Zeitgenosse zu sein, wie dem Bericht über seinen tödlichen Unfall zu entnehmen ist:
Der Blasebalgtreter Warmund Lamparter, ein werktagscheuer Mensch, der noch dazu so wüst trank, bis er nicht einmal mehr die Dunkelheit sehen konnte, war an diesem Sonntagmorgen mit einem zuhöchst weingeistigen Gesicht auf der Empore erschienen. Oskar Alder wollte ihn auf der Stelle heimschicken, fürchtete aber, der Lump möchte nicht mehr unbeschadet die steile Holztreppe hinabsteigen. Außerdem bestand der Lamparter stur auf seiner sonntäglichen Herrgottspflicht, den Balg zu treten. Um der nicht endenden Homilie des Kuraten ein Ende zu setzen, fing der Lamparter an, von der Brüstung herab dem Volk den Segen zu erteilen. Als ein frech grinsendes Gesicht den Betrunkenen beim Ärmel langte, sich dieser aber loswinden konnte und mit lallender Stimme das Ite-Missa-Est zu singen anhob, geschah das Unglück.



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© Peter Ringeisen, 1996