Die Protagonisten
in Schlafes Bruder

Johannes Elias Alder

Elias, wie er meist kurz genannt wird, ist die Hauptperson dieses Romans, wie der Erzähler bereits im Vorwort klarstellt:

Dies ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen. (S. 9)

Mit Elias sind die zentralen Themen des Romans eng verknüpft (s. Thematik). — An seiner Figur und deren Darstellung wird sich auch entscheiden, ob ein Leser diesen Roman weiterempfiehlt oder nicht. Denn der Leser muss grundsätzlich - wie bei einem Märchen oder Fantasy-Roman - entscheiden, ob er die übernatürlichen Elemente der Handlung als Teil der Romanwelt akzeptiert oder nicht. In diesem Zusammenhang ist vor allem die unheimliche Mutation des fünfjährigen Kindes zu nennen.
Weiter soll die Hauptperson hier nicht analysiert werden — das sei dem (geschätzten?) Leser vorbehalten. ;-)

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Peter Elias Alder

Peter Alder ist eine sehr komplexe Figur. Folgende Stichpunkte seien genannt:

  • Äußeres: wenig männlich (kein Bartwuchs), doch robust; verkrüppelter Arm
  • sadistischer Grundzug („gemein“, S. 123, „böse“, S. 129): zeigt sich gegenüber Burga (123 ff.), gegenüber dem Kater (73) und dem Vieh (122), als auch gegenüber den „Siechen“ (165)
  • theatralisch (129) und prahlerisch (163), wenn sich Gelegenheit dazu bietet
  • lieblos und kalt zur Familie
  • liebevoll und treu gegenüber Elias, doch auch ihm gegenüber immer wieder mißgünstig („Du ... warst nie Manns genug ...“, S. 152)
  • homosexuelle Orientierung - meist gänzlich unterdrückt
  • leidet unter der „unerträglichen Langeweile des Bauerndaseins“ (121), empfindet „Lebenslangeweile“ (122)
  • völliger Gesinnungswandel durch das Miterleben des Selbstmords seines Freundes: von da an umgänglich, zuverlässig und vertrauenswürdig
Beim Versuch, diese Figur zu verstehen, ist es wichtig, auf die Zusammenhänge in der komplexen Persönlichkeit des Peter E. Alder zu achten. So hängt sicher sein Sadismus mit der Kälte und Brutalität des Vaters und teilweise auch der Mutter zusammen, möglicherweise liegt hier auch eine der Wurzeln für seine Homosexualität. Die Liebe zu Elias ist über weite Strecken überlagert von anderen Gefühlen: zunächst schiere Sensationslust (im Alter von sechs Jahren) angesichts der gelben Augen und der ungewöhnlichen Stimme des Cousins, bald dann hauptsächlich das für Peter befriedigende Gefühl, jemanden zu haben, den er lenken und auch weitgehend beherrschen kann. So läßt sich eine Reihe von Eigenschaften anhand der Zusammenhänge zur Hauptperson Elias aufzeigen.



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Elsbeth Alder

Elsbeth Alder ist Peters Schwester; dies ist deswegen von Bedeutung, da Peter deshalb in der Lage ist, Elsbeth von seinem Geliebten Elias fernzuhalten, indem er sie mit Lukas verkuppelt. Und Elsbeth ist - vor allem, da sie von Elias keine offensichtlichen Zeichen seiner Zuneigung erhält - mit der Zeit damit einverstanden:

Das Mädchen hatte sich im Lauf der Jahre an die Wünsche ihres Bruders gewöhnt. Sie gewöhnte sich sozusagen an den Gedanken, den Lukas Alder dereinst zu ehelichen. Und als das geschehen war, liebte sie ihn. (S. 138)

Der Leser ist von dieser Entwicklung der Dinge eher enttäuscht - man bedenke nur die Ankündigung des Mädchens bei seiner Geburt:

Das Kind sollte auf den Namen Elsbeth getauft werden. [...] Und Elias schluchzte vor Freude. Er jubilierte. Jubilierte an Leib und Seele. Denn er vernahm ein wundersames Pochen, und vom Klang dieses Pochens wurde ihm zumute, als schaute er das Paradies. [...] Es war Elsbeths Herzschlagen. Es war der Klang der Liebe. (S. 52)

Zu „Liebe“ s. auch das folgende Stichwort.

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Die Liebe

Liebe ist ein Thema, das in diesem Bergdorf nicht angesprochen wird; das sei auch heutzutage noch so, meint der Autor in einem Interview. Als charakteristisch ist die folgende Äußerung des Erzählers über Elias und Elsbeth zu bezeichnen:

Obwohl sie einander in inniger Freundschaft zugetan waren, verheimlichten sie einander doch ihre bedeutsamen Gefühlsregungen. Das war ein ganz typischer Zug des Alderschen Geschlechts, und man darf billig hinzufügen, des vorarlbergischen überhaupt. Niemals hätte ein Alder einem Menschen anvertraut, daß er ihn liebhabe. Alles mußte ohne Worte geschehen, und wenn, nur in Andeutungen und Halbheiten. Sprachlos waren diese Menschen, ja sprachlos bis in den Tod. (S. 135 f.)

Ein weiterer Aspekt ist die Eifersucht, mit der der homosexuell veranlagte Peter die Liebe seines Freundes Elias zu Elsbeth zu enttäuschen und zu verhindern sucht. Die Verstrickung von Liebe, Eifersucht und Rücksicht wird augenfällig in der Schilderung der „ersten gemeinsamen Wanderung“:

Gemeinsam will sagen: Elsbeth und Elias, dazu das närrische Brüderchen und immer verstohlen Peter, denn er folgte ihnen schon am ersten Tag. Anfänglich mit den Augen. Sah, daß sie den Pfad zur Emmer nahmen, und da sie verschwunden, litt es ihn nicht mehr. Vielleicht hat Elias es am merkwürdigen Rascheln im Unterholz gehört. Vielleicht hat er Peters Schatten einmal in der Lichtung gesehen, oder ein Atmen in dichter Nähe vernommen. Jedenfalls wußte Elias, daß er ihnen in guten Abständen folgte. Und er schwieg dazu. (S. 104)



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© Peter Ringeisen, 1996