STERN 2/98, 31. Dez. 97, Seite 90-95, in Auszügen

»Das Leben sollte uns vor der Kunst retten«


BEGINN DES ERFOLGS



STERN: Herr Schneider, Ihr Landsmann Peter Handke schrieb mit gerade mal 21 an seine Mutter: »Du brauchst dir über mich keine Sorgen machen. Ich werde sicher weltberühmt.« Kommt Ihnen dieser juvenile Größenwahn bekannt vor?

SCHNEIDER: Spätestens nach der Niederschrift von »Schlafes Bruder« wußte ich: Dieses Buch ist nicht aufzuhalten, und ich bin nicht aufzuhalten. Die werden meinen Geburtstag feiern, und ich nicht ihren. Ich werde nie vergessen, wie ich mit meinem Lektor im Strandbad saß und sagte: »Du wirst sehen: Wir werden eine Million verkaufen!«

STERN: Ihr Debütroman hat inzwischen eine märchenhafte Auflage von 1,3 Millionen und wurde in 24 Sprachen übersetzt. Was hat Sie mit Mitte 20 bewogen, Ihr Musikstudium abzubrechen und Schriftsteller zu werden?

SCHNEIDER: Im Zug von Salzburg nach Vorarlberg las ich das Buch eines jungen Österreichers, der damals ziemlichen Erfolg hatte. Ich mochte diesen Roman überhaupt nicht, und ich war eifersüchtig. Das war der ganz banale Anlaß zu sagen: »So! Jetzt werde ich es euch zeigen!«

STERN: Wovon haben Sie gelebt?

SCHNEIDER: Ich war immer sehr pfiffig im Organisieren von Literaturstipendien. Davon gibt es ja zweitausend. Eigentlich kann man lebenslang vom Schreiben leben, ohne jemals etwas zu veröffentlichen. Wenn es doch mal knapp wurde, habe ich in unserer Dorfkirche Orgel gespielt. Dann ging es mir wie Johann Sebastian Bach: »Heuer wenig Leichen, schlechtes Jahr.«

STERN: Patrick Süskinds Welterfolg »Das Parfüm« fand jahrelang keinen Verleger. Auch »Schlafes Bruder« wurde von 24 Verlagen abgelehnt. Taugen unsere Lektoren nichts?

SCHNEIDER: Natürlich war es irritierend, zwei Jahre nur Absagen zu bekommen. Aber Lektoren lesen ja am allerwenigsten. Die müssen Bücher budgetieren und für Autoren Frauen suchen.

STERN: Auch als »Schlafes Bruder« bei Reclam in Leipzig erschienen war, hat sich kaum jemand imVerlag für Ihren Erstling eingesetzt.

SCHNEIDER: Aus Verzweiflung habe ich eigenmächtig für 20000 Mark Werbung geschaltet. Die Anzeigen habe ich selber am Computer gelayoutet. Ich konnte mit diesen Literaturverwaltern bei Reclam nie. Beim millionsten Exemplar habe ich dem Verlagschef einen Brief geschrieben: »Lieber Dietrich Bode, lassen Sie uns doch mal gemeinsam überlegen, wie man dem Autor eine Freude machen könnte.« Ich habe angeregt, mir einen Audi A8 zu schenken. Da kam nichts.


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Die Auszüge aus dem Interview sind, ebenso wie die Bilder, der Printausgabe des Magazins STERN 2/98 (31. Dez. 1997) entnommen. Vielen Dank!
- Peter Ringeisen -


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