STERN 2/98, 31. Dez. 97, Seite 90-95, in Auszügen

»Das Leben sollte uns vor der Kunst retten«


DER AUTOR ALS SELBSTVERMARKTER



STERN: Am 7. Januar erscheint Ihr zweiter Roman, »Die Luftgängerin«. Wie Sie das Manuskript Verlagen offeriert haben, gilt vielen als unerhörter Sittenverfall. So sollen Sie gefordert haben. daß Sie auf Lesereisen in »einer Suite in einem Hotel der Fünf-, jedoch mindestens der Vier-Stern-Klasse« residieren.

SCHNEIDER: Ich habe die ersten hundert Seiten der »Luftgängerin« an sieben Verlage geschickt. Beigelegt war ein elfseitiger Vertrag. Darin habe ich genau fixiert, in welchen Hotels ich wohnen will, daß ich einen Chauffeur kriege, wie das Cover und die Schrifttype aussieht und wie meine Autogrammkarten zu gestalten sind. Dazu habe ich Auflagen über den Werbeetat gemacht und mir Mitspracherecht bei den Reklameslogans ausbedungen.

STERN: Die »FAZ« bemerkte dazu maliziös: »Der Autor betrachtet sich nicht länger als Mitglied einer geistigen Gemeinschaft, sondern als Kunde. Und als solcher möchte er König sein.« Sind Verlage für Sie nur noch schnöde Dienstleistungsunternehmen?

SCHNEIDER: Es ist doch heute fast unerheblich geworden, wo man publiziert. Diese Treue bis zur Bahre, da war Thomas Bernhard einer der letzten, der das noch praktiziert hat. Ich weiß durch »Schlafes Bruder« einfach sehr genau Bescheid, wie es auf dem Buchmarkt zugeht. Ich kenne auch meinen Marktwert sehr genau. Glauben Sie, ich traue da einem von diesen Verlegern? Die Liebe zum Autor steigt proportional zur Auflage. Es geht den Verlagen nicht mehr um Bücher, es geht um Geld. Die Literatur ist denen doch scheißegal geworden.

STERN: Wie haben die Verleger auf Ihren Forderungskatalog reagiert?

SCHNEIDER: Die meisten meinten, das sei ein Witz. Karl Blessing zum Beispiel hat mir einen süffisanten Absagebrief geschrieben: »Sicher gibt es verzweifelte Verlage, die sich auf jedes Abenteuer einlassen. Das möchten wir aber doch lieber vermeiden.«

STERN: Ausgerechnet mit Blessing sind Sie dann handelseinig geworden. Weil hinter dem mit Bertelsmann der größte Medienkonzern Europas steht?

SCHNEIDER: Blessing hatte als einziger den Mut, mich zu verlieren. Da dachte ich: »Oh, der Junge ist gut!« Das wurde dann wirklich ein Geben und ein Nehmen mit dem. Da habe ich gesagt: »Karl, Sie sind ein Schatz. Sie gehören zu mir.«

STERN: Blessing muß sich doch durch Sie geknebelt fühlen.

SCHNEIDER: Karl sagte einmal wunderbar: »Schneider, wozu brauchen Sie überhaupt einen Verleger?« Ich antwortete: »Was haben Sie für ein Problem damit. daß ich auch mein Vermarkter bin? Ich brauche Ihren Vertrieb, lieber Karl. Und ich brauche Ihr Herz. Dann stimmt alles.«

STERN: Blessing soll Ihnen knapp eine Million Mark Vorschuß gezahlt haben. Konnten andere Verlage bei dieser Rekordsumme mithalten?

SCHNEIDER: Als man bei Heyne erfahren hatte. daß ich mit Blessing abschließen will, riefen die an und sagten: »Wir bieten Ihnen das Doppelte, egal, von welcher Summe.«


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Die Auszüge aus dem Interview sind, ebenso wie die Bilder, der Printausgabe des Magazins STERN 2/98 (31. Dez. 1997) entnommen. Vielen Dank!
- Peter Ringeisen -


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