STERN 2/98, 31. Dez. 97, Seite 90-95, in Auszügen

»Das Leben sollte uns vor der Kunst retten«


SCHRIFTSTELLER DER GROSSEN GEFÜHLE



STERN: »Die Luftgängerin« ist ein hochgestimmter Appell gegen Seelenmüdigkeit und Zynismus. Wollen Sie sich als der Schriftsteller der großen Gefühle profilieren?

SCHNEIDER: Wir sind doch nur noch von Zynismen umgeben. Zynismus ist ein Präventivkrieg: Ehe noch ein Gefühl an mich herankommt, mache ich es lächerlich. Deshalb reagiert ein Zyniker ja immer vorschnell. Er ist ein Vampir, der andere Menschen braucht, um deren Lebenskraft aufzusaugen. Das Problem ist: Er kann nie genug kriegen, er bleibt durstig. Er springt immer an auf Leute, die unreflektiert authentisch sind. Die versucht er zu gewinnen, indem er sie zerstören will. Eigentlich buhlt er aber um diese Menschen, weil er so sein möchte wie sie. Zynismus ist eine Ungenauigkeit der Lebensführung: Man verdächtigt andere für das eigene Unglück.

STERN: Wie wird einer Zyniker?

SCHNEIDER: Durch Enttäuschungen, die nicht bearbeitet wurden. Ein Zyniker hatte nicht die Kraft, nach einem gescheiterten Lebenstraum wieder von vorne anzufangen. Weil er keine Kraft mehr hat, fängt er an, sich zu schützen, indem er auf Distanz geht. Er wechselt in die zweite Reihe, dann in die fünfte. Er wird zu einem kalten Beobachter, hat aber nichts anderes als die Sehnsucht, ganz vorne dabeizusein - da, wo das Leben tobt.

STERN: Wieso grassiert Zynismus?

SCHNEIDER: Wir haben kaum mehr große illusionistische Träume. Der Zusammenbruch des Sozialismus hat ebenso viele Zyniker hinterlassen wie das Untergehen der katholischen Kirche. Man will uns einreden, daß es nicht mehr schick ist, sich zu einer Idee zu bekennen, weil das angeblich im Dogmatischen endet. So wird die Wertlosigkeit selber zum Wert gemacht.


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Die Auszüge aus dem Interview sind, ebenso wie die Bilder, der Printausgabe des Magazins STERN 2/98 (31. Dez. 1997) entnommen. Vielen Dank!
- Peter Ringeisen -


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