STERN 2/98, 31. Dez. 97, Seite 90-95, in Auszügen

»Das Leben sollte uns vor der Kunst retten«


»ZUHAUSE FÜR MEINEN SCHMERZ«



STERN: Sie sind als Adoptivkind in einem österreichischen Bergdorf groß geworden.

SCHNEIDER: Nach der Geburt wurde ich sofort in ein SOS-Kinderdorf gebracht. Meine Zieheltern haben vier Kinder aus unterschiedlichen Familien adoptiert. Es gab keine Erziehung. Es war auch völlig unerheblich, ob ich am Abendbrotstisch auftauche oder nicht.

STERN: Ihr Ziehvater hat Bier von Haus zu Haus vertrieben.

SCHNEIDER: In unserem Badezimmer stanken immer die leeren Bierkisten, die er sortiert hat. Deshalb trinke ich bis heute keinen Alkohol. Er war sehr wohlhabend und unglaublich knauserig. Das ging so weit, daß wir Kinder ihn bestohlen haben - zu Recht, wie ich meine. Bei uns gab es weder Musik noch Bücher, nicht mal die Bibel. Ich werde nie vergessen, wie ich mit 17 in der Buchhandlung anrief und fragte: »Nietzsches ›Morgenröte‹, ist das lesenswert? Was würden Sie sagen?« Und der Buchhändler riet noch ab, anstatt ein Geschäft zu machen.

STERN: Sie haben dann Bücher und Schallplatten gestohlen.

SCHNEIDER: Mit 16 bin ich erwischt worden. Das war natürlich eine Riesentragödie. Zur Strafe mußte ich dann bei den Kapuzinern beichten gehen. Entsetzlich. Ich kam in ein Knabeninternat und hatte unsägliches Heimweh.

STERN: Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihrer Ziehmutter?

SCHNEIDER: Sie hat an mich geglaubt. Sie wußte immer, der ist etwas ganz Besonderes. Sie hat mich delegiert, das zu tun, wozu sie nie den Mut hatte: sich einfach den Normen zu widersetzen und ganz bedingungslos den eigenen Weg zu gehen. Ich glaube, ich war letzten Endes ihr heimlicher Geliebter, wobei sie diese Zärtlichkeit nie offen zeigen konnte. Und wenn sie es getan hat, dann hat es mich angeekelt. Wenn wir zum Kirchgang gegangen sind, dann putzte sie mit ihrem Speichel meinen Mund. Ich hätte sterben können.

STERN: Wie haben Sie erfahren, daß Sie ein Adoptivkind sind?

SCHNEIDER: In der Dorfschule habe ich mit einem Jungen gekämpft. Als ich am Gewinnen war, hat er geschrien: »Du bist ja gar nicht das Kind deiner Eltern!« Dann sind mir die Kräfte geschwunden, denn da mußte ich nachdenken.

STERN: Kennen Sie Ihre leiblichen Eltern?

SCHNEIDER: Die sind noch nicht vorstellig geworden bei mir. Nicht zu wissen, woher man kommt, das hat auch etwas Magisches. Meine ältere Ziehschwester hat herausgefunden, wer ihre wirkliche Mutter ist. Die lebte rein zufällig im Nachbardorf. Sie war ganz bitter enttäuscht über diese Entdeckung. Vielleicht habe ich Angst.einem Mann gegenüberzutreten, von dem ich dann augenblicklich weiß: So werde ich einmal aussehen, so werde ich enden.

STERN: Sie leben die meiste Zeit im Haus Ihrer verstorbenen Zieheltern. Werden Sie dort wohnen bleiben?

SCHNEIDER: Ja. Da habe ich mir ein wunderschönes Zuhause für meinen Schmerz geschaffen. Ich bin gerade dabei, vor dem Haus einen hundert mal hundert Meter großen Park anzulegen, in dem die Hauptfiguren meiner Romane als Skulpturen aufgestellt werden.

STERN: Das wird Ihnen wohl mal wieder als Größenwahn ausgelegt werden.

SCHNEIDER: Es ist mir völlig egal, wenn die Leute sagen: »Der verewigt sich hier selber.« Es ist einfach wunderschön, aus dem Fenster zu schauen und meine Romanfiguren zu sehen. Für »Die Luftgängerin« ist jetzt ein Künstler dabei, etwas sehr Monumentales zu machen. Eine mindestens zehn Meter hohe Skulptur wird das sein. In diesem Park ist auch bereits meine Grabstelle vorgesehen.


© STERN



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Die Auszüge aus dem Interview sind, ebenso wie die Bilder, der Printausgabe des Magazins STERN 2/98 (31. Dez. 1997) entnommen. Vielen Dank!
- Peter Ringeisen -


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