Thematik

1. Die unentdeckten Genies

Bereits im dritten Kapitel, „Die Ungeborenen“, das ganz diesem Thema gewidmet ist, wird ausführlich erläutert, wie sehr der Erzähler es bedauert, dass viele Menschen ihre Talente nicht entfalten können, weil ihre Umwelt, die Bedingungen, unter denen sie leben, es nicht zulassen: „Welch prachtvolle Menschen, Philosophen, Denker, Dichter, Bildner und Musiker muß die Welt verloren haben, nur weil es ihnen nicht gegönnt war, ihr genuines Handwerk zu erlernen“ (14). Dieses Thema klingt immer wieder an, bis es fast wörtlich nach dem Tod des JEA (= Johannes Elias Alder) wiederholt wird (198).

2. „Anklage wider Gott“

Dieser Aspekt steht zwar in enger Verbindung mit dem ersten Thema, geht jedoch darüber hinaus. Gott wird generell für alles Unheil verantwortlich gemacht, nicht nur für die sinnlose Begabung des JEA: „Die Beschreibung seines Lebens ist [...] eine Anklage wider Gott, dem es in seiner Verschwenderlaune gefallen hatte, die so wertvolle Gabe der Musik über ein Eschberger Bauernkind auszugießen, wo er doch hätte absehen müssen, daß es sich und seine Anlage in dieser musiknotständigen Gegend niemals würde nutzen und vollenden können“ (13). Dieses Vorgehen Gottes nennt der Erzähler einen „satanischen Plan“ (13). - Schon im eigentlich ersten Kapitel, das die Überschrift „Das letzte Kapitel“ trägt, heißt es im Kommentar zum Dritten Feuer, das das Dorf gänzlich zerstörte, dass die Bewohner schließlich begriffen, „daß Gott dort den Menschen nie gewollt hatte“ (10, vgl. 76, 202). Gott wird des Öfteren geradezu als sadistisch dargestellt, so bei der unwirklichen Verwandlung des fünfjährigen JEA: „Aber Gott in seiner unendlichen Grausamkeit hörte nicht auf zu zeigen“ (37). Ähnlich klingt der Kommentar, der auf eine der Stellen folgt, in denen das Schicksal des Musikers als unausweichlich beschrieben wird: „Gott [...] liebt alles Unrecht unter der Sonne“ (95). Besonders in Hinsicht auf die Liebe zu Elsbeth wird Gott als grundlos hartherziger Lenker des Schicksals gezeigt; so heißt es in der Nacht, in der JEA seine Cousine aus dem brennenden Haus rettet: „In dieser Nacht des allgegenwärtigen Grauens verliebte sich Johannes Elias Alder in seine Cousine Elsbeth Alder. Mußte sich verlieben, denn Gott war noch lange nicht fertig mit ihm“ (78). Diese Formulierung zieht sich durch den ganzen Roman („Gott, wie es schien, war noch nicht fertig mit ihm. Gott war noch lange nicht fertig mit ihm“, 39; - „Mehr zu hören, wurde ihm nicht bestimmt, denn Gott war fertig mit ihm“ 198). Andererseits geht für JEA eine geheimnisvolle Anziehung von dem Stein aus, der aussieht wie eine Fußsohle, „so als hätte vor grauer Zeit Gott selbst einen Schritt auf diese Welt getan“ (107), und als JEA die Heirat von Elsbeth mit Lukas akzeptiert, heißt es, Gott hätte ihn „von der Liebe zu Elsbeth Alder befreit. Gott wollte ihn leben lassen, denn es gereute ihn, als er sah, wie sehr dieser Mann an der Liebe litt“ (160). In der Zusammenschau dieser Aspekte wird erklärlich, dass Gott auch als ohnmächtig gesehen wird, denn er kann den Selbstmord JEAs nicht verhindern, und dazu passt die Darstellung Gottes als kleines, zerlumpt gekleidetes, verwundetes Kind, das JEA in der Kirche erscheint (146-148). Doch auch dieses Kind wird angeklagt: „[...] alles Aufbegehren nützt nichts. Gott ist ein böses, nabelloses Kind“ (174).

3. Kommunikation

Als eines der Grundprobleme der Bevölkerung dieses Bergdorfes wird der Mangel an Kommunikationskompetenz bezeichnet. Zum ersten Mal tritt dieser Aspekt auffällig zutage, als die Eltern JEAs auf die Hebamme warten, die bei seiner Geburt Hilfe leisten soll. Die Wortkargheit des Vaters wird beschrieben mit dem lapidaren Satz: „Seff war kein Redner“ (15); er hat keine Worte, die er seiner Frau sagen könnte, die unter heftigen Wehen leidet, und selbst die Tatsache, dass die Hebamme eingetroffen ist, bringt er nicht über die Lippen: „Er hätte ihr sagen mögen, daß die Ellensönin gekommen sei. Seff war kein Redner.“ (15). Auch seinem Sohn gegenüber bleibt Seff meist stumm, vor allem, wenn es um emotionelle Dinge geht: „Seff schwieg“ (51). Erst als Elias vor Liebeskummer krank wird und vier Tage nicht aus dem Bett kommt, hört der Leser ihn länger sprechen; um seinen Sohn zu trösten, lügt Seff, Elsbeth habe ihn in der Kirche vermisst, und schließlich beichtet Seff ihm auch seine Rolle beim Mord an dem Schnitzer Roman Lamparter (133). Dieses seltene Beispiel für geglückte Kommunikation hat auch direkte positive Auswirkungen: „Seit jenem Sonntag Laetare strahlte aus Seffs Augen das ruhige Licht der Hoffnung“ (133) Doch die Unfähigkeit, Gefühle zu äußern, wirkt sich bei den anderen Personen, vor allem aber bei JEA, fatal aus. Der Erzähler erläutert: „Das war ein ganz typischer Zug des Alderschen Geschlechts, und man darf billig hinzufügen, des vorarlbergischen überhaupt. Niemals hätte ein Alder einem Menschen anvertraut, daß er ihn lieb habe. Alles mußte ohne Worte geschehen, und wenn, nur in Andeutungen und Halbheiten. Sprachlos waren diese Menschen, ja sprachlos bis in den Tod“ (136). Diese Haltung führt zu der geradezu grotesken Situation, in der sich Elsbeth, mit geschlossenen Lidern neben JEA auf dem Kutschbock sitzend, ausmalt, „wie es wäre, wenn jetzt Elias um ihre Hand anhielte“ (139. Zur Sprache gebracht wird dieses Problem von Peter, dem JEA jedoch entgegenhält, dass auch Peter seine homosexuelle Liebe zu ihm nie ausgedrückt habe (152).

4. Musik

Die beeindruckende und bewegende Kraft der Musik spielt eine bedeutende Rolle im Roman, denn sie ist - außer der Liebe zu Elsbeth - die Triebfeder für JEA. Wie sehr es ihm ein grundlegendes Bedürfnis ist, ein Musikstück schön und in der richtigen Tonart zu hören und wenn möglich selbst zu singen und zu spielen, wird schon offensichtlich, als er in seiner Funktion als Blasebalgtreter mit seiner vollen Stimme das Orgelspiel des Lehrers Oskar Alder verbessert: „Ergänzte [...] die holprige Baßlinie, restaurierte eine verpfuschte Phrase im Alt, verzierte die Liedmelodie mit kühnen Durchgängen und Koloraturen, schrie ein verzweifeltes «b», wo der Lehrer wieder ein «h» gepatzt hatte [...]“ (66). Diese Liebe zur Musik wird umso eindrucksvoller vermittelt, als der Erzähler die bald erwachende Orgelspielkunst der Hauptperson sehr plastisch darstellt und mit der Aussageabsicht des Musikers verknüpft, so dass man sich die wandlungsfähigen Klänge der Orgel beinahe vorstellen kann, wie bei dem Höhepunkt dieses kurzen Musikerlebens, auf dem Feldberger Orgelfest: „Elias atmete die unerhört spannungsgeladene Zäsur, griff siebenstimmig in die Tasten, spielte den Choral bis zum 3. Takt, riß ab, atmete, harmonisierte in unaufgelösten Dissonanzen bis zum 4. Takt, riß ab, [...] Dergestalt wollte er darlegen, wie man sich gegen den Tod aufzulehnen habe, gegen das Schicksal, ja gegen Gott“ (174).
© Peter Ringeisen, 1996