10.02.2000
Feuilleton der Süddeutschen Zeitung

Traumes Tochter

In der Nacht ist alles Mondlicht grau: Robert Schneider vollendet seine Rheintal-Trilogie


Hans-Peter Kunisch


Bedauerlicherweise ist diese Rezension von Hans-Peter Kunisch nicht mehr im Internet zugänglich - außer über das kostenpflichtige SZ-Archiv. - In aller Kürze sei hier zusammengefasst, was Kunisch von Schneiders drittem Roman hält.


Über den viel versprechenden Romananfang schreibt Kunisch:

Abschiede, und zwar für immer, bringen Schwung ins Anfangspathos. Der zweite Abschnitt nimmt den Ton dann auf: „Ein letzter großer Sommertag ...“ – also Rilke für alle, wie hinten auf dem Umschlag schon mottohaft angedeutet ist: „Wir alle haben einmal unser Leben vorausgesehen. Unser geglücktes Leben. Seitdem tasten wir mit blinder Sehnsucht durch die Zeit.“



Die inhaltliche Entwicklung der Anfangspassagen kommentiert er so:

„Die Unberührten“ heißt der dritte Teil von Schneiders Rheintal-Trilogie, und Antonia Sahler ist seine Hauptfigur. Dass das siebenjährige Mädchen weitreichende Entschlüsse fasst, stört in diesem Zusammenhang niemanden. Schließlich erzählt Schneider wieder ein „modernes Märchen“, zu dem Antonias mittelalterliche Gesichte passen: Sie sieht also Ereignisse voraus. Auch zu ihren Vorfahren hat Antonia einen guten Draht. So geschieht dem adoleszenten Rheintaler Mädel in New York, wohin es nach historischem Vorbild verkauft worden ist, dass der reiche, junge, hübsche, gebildete, feinfühlige, musikalische und zur Leser-Schonung auch noch konvertierte Jude Aron Fleisig sagt, es müsse nichts mehr tun. Er sei jetzt für es da. So ging´s schon Alma, Tonys Mutter, einer „kessen“ (!) Bernerin mit dem Papa.



Ironisch weist Kunisch darauf hin, dass Schneider sicherlich Reich-Ranicki zustimmen würde, der Unterhaltungsliteratur einmal als "langweilig" bezeichnete. Diese Distanzierung von der Unterhaltungsliteratur sei Schneider unbenommen, meint Kunisch, doch dass er sich nach dem "passablen Anfang" nicht mehr darum bemühe, ordentlich zu schreiben, nimmt er ihm übel: "Denken können muss nicht jeder Autor, aber schreiben können sollte er schon." - Und er fährt fort:

Was zum Beispiel, lieber Robert Schneider, ist denn von folgender Passage zu halten: „Übers Jahr geriet das verwahrloste Mädchen zu einer schönen jungen Frau, die sich mit traumwandlerischer Sicherheit zu tragen verstand. Ihr Körper wurde rundlich, die Kurzsichtigkeit behob eine reizende goldgefasste Brille, die lädierten Zähne prangten wieder vollzählig im lachenden Mund.“ Gehört, wer seine Hauptfigur auf diese Weise lächerlich macht, nicht doch gesotten? Und wie wird Tonys Singen denn beschrieben? „Antonia war die Musik selbst. Antonia war körperlos. Antonia war die Seele. In den Höhen von fast eisiger Kälte, in der Mittellage warm wie ein Bad am Samstagabend, in der Tiefe fast heiser, aber von unbeschreiblich schöner Traurigkeit. Ausruhen mochte man sich in dieser Stimme.“

Robert Schneider schreibt so schlecht, dass es fast (ein Wort, das dieser Autor liebt) schon wieder eine Freude ist. „Die Luftgängerin“ wurde, wird er sich gesagt haben, trotz aller bösen Rezensionen, noch immer gut verkauft: „Kann man noch mieser schreiben? Wann merkt es der verarschte Leser?“ Dies scheint die Leitfrage hinter all den Sätzen der „Unberührten“ zu sein [...].


Zusammenfassung: Peter Ringeisen

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