Abendvortrag im Gerhardinger-Saal am Mittwoch, 4. Oktober 2017 um 19.00 Uhr von Monika Karsch (Silbermedaillengewinnerin, Rio 2016) zum Thema „Life-Kinetik“; eingeladen sind alle Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen sowie die interessierte Öffentlichkeit

Maria Theresia Gerhardinger

Festrede von Sr. M. Canisia Engl anlässlich des 200. Geburtstages der Ordensgründerin (1997)

Maria Theresia GerhardingerMeine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine lieben Schülerinnen,

wollen wir Persönlichkeit und Lebenswerk eines großen Menschen angemessen würdigen und die Bedeutung für die Gegenwart richtig darstellen, stehen wir immer in der Gefahr, dies naiv nach dem eignen geistigen Zuschnitt zu tun; denn tatsächlich kann ja niemand die eigene Begrenztheit übersteigen, um den je größeren Geist wahrzunehmen und zu begreifen.

Nur wenn wir uns dieser Gefahr bewußt sind, dürfen wir es, ohne anmaßend zu sein, heute an ihrem 200. Geburtstag wagen, uns der Größe Maria Theresia Gerhardingers zu nähern, um mehr zu ahnen als zu verstehen, was sie uns über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert zu sagen hat. Wir können es nur tun in dem Bewußtsein, daß wir lediglich einen schwachen Abglanz erkennen werden.

Die Geschichte einer Entscheidung

Die Welt war im Umbruch, als Karolina Elisabeth Franziska Gerhardinger geboren wurde und heranwuchs, und vielfältige politische, soziale und auch religiöse Veränderungen und Unsicherheiten begleiteten sie ihr langes Leben von fast 82 Jahren.

Ihre Eltern, der Stadtamhofer Schiffmeister Willibald Gerhardinger und seine Frau Franziska, konnten an Karolinas Wiege nicht ahnen, welch großen Auftrag dieses kleine Mädchen, ihr einziges Kind, einmal zu erfüllen hatte, welche Bedeutung es für zahllose Menschen weit über die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus erlangen sollte.

Und Karolina selbst sah sich nicht am Anfang eines herausragenden und verheißungsvollen Lebenswegs, als 1809 der damalige Regensburger Dompfarrer Georg Michael Wittmann den Eltern vorschlug, sie unter der Anleitung seines Kaplans den Lehrberuf erlernen zu lassen.

Sie war ein schönes, sehr begabtes und vielseitig interessiertes Mädchen; sie hatte sich ihre Zukunft auf jeden Fall anders als in einer Schulstube vorgestellt. Doch mit der ihr eigenen Entschiedenheit schickte sie sich in den Vorschlag von Pfarrer und Eltern, machte sie sich einen Lebensentwurf zu eigen, den sie von sich aus nicht gewählt hätte.

Wir können nur ahnen, was sie letztlich dazu bewog, aber wir kennen das Ergebnis dieser Berufungsgeschichte, die sich nur wegen der Art, wie Karolina Gerhardinger damit umging, wie sie auf den Anruf antwortete, als ungewöhnlich und erwähnenswert, ja Oberhaupt als Berufung herausstellte.

Sie hätte ohne Zweifel ablehnen können; sie hätte, wie ihre ursprünglichen beiden Gefährtinnen auch, sich der Zielsetzung Wittmanns, einen modernen Schulorden zu gründen, wieder entziehen können, als es mit dem klösterlichen Leben ernst wurde.

Niemand hätte es ihr verargen dürfen, wenn sie 1834 nach dem Tod ihrer Förderer und Freunde Wittmann und Job, als sie sich, die unbekannte kleine Lehrerin, mittellos und ohne die Unterstützung eines einflußreichen Mannes fast nur noch Verständnislosigkeit und Widerständen ausgesetzt sah, die Klosterpläne als undurchführbar aufgegeben hätte.

Doch sie, und darin zeigt sich bereits ihre Größe, hält allen Anfeindungen, allem Unverständnis stand, gibt 36jährig die gesicherte Stellung einer königlich-bayerischen Lehrerin auf und geht entschlossen den einmal eingeschlagenen Weg weiter: Sie bricht die letzten Brücken einer bürgerlich gesicherten Existenz hinter sich ab, nimmt die verwitwete Mutter zu sich ins kleine Kloster nach Neunburg vorm Wald, verkauft ihr Elternhaus und stellt ihr ganzes Erbe dem Auftrag zur Verfügung, dem sie sich verpflichtet hat.

Unerschrocken, klug und zielbewußt unternimmt sie beschwerliche Reisen in ihrer Sache, die sie bald als die „Sache Gottes“ begreift, und wendet sich mutig an alle, von denen sie Hilfe erwarten kann, zuerst an die Kaiserin Karolina von Österreich und deren Bruder König Ludwig 1. von Bayern.

In ihrem ganzen Leben wird sie sich von nichts und niemandem abhalten lassen, stets das zu tun, was sie als richtig und der Sache dienlich erachtet. Sie verhandelt mit Regierungen, mit Bischöfen und dem Papst, bricht 1847 als 50jährige mit fünf Schwestern nach Nordamerika auf und widersteht bald nach ihrer Rückkehr im Streit um die Verfassung des neuen Ordens ihrem Erzbischof, der sie zeitweilig als Oberin absetzt und mit Exkommunikation bedroht.

Die starke Frau und bahnbrechende Pädagogin

Maria Theresia von Jesu, wie Karolina seit ihrer Gelübdeablegung 1835 heißt, ist nicht nur eine vorzügliche Lehrerin und Erzieherin, sie erweist sich mehr und mehr als überaus kompetente, weise und wahrhaft geistliche Führerin ihrer Schwestern, deren Zahl stetig wächst: 20 Jahre nach der Gründung des ersten Klosters in Neunburg sind es bereits 346, die in 70 Häusern in verschiedenen deutschen Ländern, in Böhmen, Österreich und Nordamerika mehr als 17.000 Schulkinder unterrichten. Bei ihrem Tod im Jahre 1879 wird die Zahl der Schwestern 3.000 überschreiten und die Zahl der in Schulen und Heimen betreuten Kinder und Jugendlichen mehr als 80.000 betragen.

Mutter Theresia, wie die Schwestern sie nennen, hält in der Erziehung sehr wenig von Anordnungen und Appellen, aber sehr viel von aufmerksamer Zuwendung und Überzeugung. Sie selbst überzeugt durch ihr Wort und ihr Leben, worauf es ankommt:

Um die „Sache Gottes“ voranzubringen, ist Mutter Theresia rastlos am Werk. Begabt mit einem scharfen analytischen Verstand, mit weit überdurchschnittlichen musisch-kreativen Fähigkeiten und einem großen, weiten Herzen, sieht sie die Probleme ihrer Zeit, die Not der Menschen und nützt alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Mittel, dagegen anzugehen.

Sie entwickelt keine wirtschaftlichen und sozialen Theorien wie ihre Zeitgenossen Marx und Engels, sondern gründet Heime für die verwaisten Kinder, deren Eltern der Industriellen Revolution zum Opfer gefallen sind. Sie sorgt dafür, daß die Hungernden in ihren Schulen zumindest auch einen Teller warme Suppe bekommen, und errichtet sog. „Industrieschulen“, in denen sich schulentlassene Mädchen gezielt auf selbständigen Broterwerb vorbereiten können. Um berufstätigen Eltern die Sorge um ihre Kinder zu erleichtern, gründet sie schließlich eine Vielzahl von Kindergärten und Horten.

Doch nie ist sie engstirnig auf die sozialen Probleme kleiner Leute fixiert. Aus der Erkenntnis, daß Frauen Selbständigkeit und Freiheit nur auf dem Weg der Bildung erlangen können, errichtet sie für Mädchen aus allen Ständen Höhere Schulen, in denen neben vertieften Kenntnissen in den Elementarfächern auch mehrere moderne Fremdsprachen, Musik und verschiedene Arten künstlerischer Gestaltung sowie (geradezu revolutionär für die damalige Zeit!) Turnen unterrichtet wird. Als erste Einrichtung dieser Art eröffnet sie bereits 1839, nur sechs Jahre nach der Gründung des Ordens, unsere Schule hier in Amberg, von vielen Seiten beargwöhnt und gegen den Widerstand nicht nur mancher Amberger Bürger, sondern auch einiger Schwestern.

Alles, was Maria Theresia Gerhardinger anpackt, geschieht kompetent, umfassend und gründlich. Damit ihre Schwestern effizient und gut arbeiten können, sorgt sie für ihre zielgerichtete qualifizierte Ausbildung. So gründet sie in München die erste Lehrerinnenbildungsanstalt in Bayern, richtet sie Seminarien für die Ausbildung von Handarbeitslehrerinnen und Erzieherinnen und eine eigene Verlagsdruckerei des Mutterhauses ein, welche die Bildungspläne und Lehrbücher bereitstellt.

Mutter Theresias pädagogische Genialität wird vor allem sichtbar an der Art, wie sie Begabungen erkennt und fördert, wie sie ihre Schwestern zur Selbständigkeit führt und sie durch ihr Vertrauen motiviert, wie sie, ganz im Sinne des Gleichnisses Jesu, mit den Talenten ihrer Schwestern wuchert, um sie im Dienst der Erziehung reiche Frucht tragen zu lassen.

So betraut sie etwa 1839 bei der Gründung unseres Hauses hier in Amberg die erst 24jährige Schwester M. Margarita v. Cortona Wiedemann mit dem Amt der Oberin und Schulleiterin. Noch überraschender zeigt sich Mutter Theresias Großherzigkeit, Klugheit und Weisheit im Umgang mit wohl ihrer begabtesten, feurigsten, doch auch eigenwilligsten „Tochter“ Schwester M. Carolina Frieß. 1847 nimmt sie die 22jährige mit nach Nordamerika und überträgt ihr nach genauen Überlegungen (die wir aus einem Brief an den ersten Ordensspiritual kennen) vor ihrer Rückkehr nach Bayern die Sorge für die inzwischen gegründeten und noch zu gründenden Schulen. Zur Oberin ernennt sie die ältere, gesetztere Schwester M. Seraphina, die sie jedoch sehr zutreffend, wie sich herausstellen wird, pädagogisch und organisatorisch weniger weitblickend und begabt als M. Carolina einschätzt. Und tatsächlich gerät diese bald mit ihrer Oberin über strukturelle und sachliche Fragen in ernste Konflikte. Schwester Carolina erkennt, daß den unterrichtlichen und erzieherischen Problemen der Neuen Welt nicht unbedingt mit bayerischen Denkansätzen und Strukturen beizukommen ist. Doch die etwas enge und ängstliche Schwester Seraphina hat sich der strengen Klausur, auch der des Geistes, verschrieben und versteht ihr Oberinnenamt vor allem restriktiv, d.h. abwehrend und verhindernd. Schwester Carolina jedoch hat von Mutter Theresia unterscheiden gelernt und stets dem Wesentlichen, dem sachlich Richtigen, der „Sache Gottes“ vor Zweit- oder Drittrangigem oder gar Nebensächlichem den Vorzug zu geben.

So entschließt sie sich 1849, um den sinnlosen Differenzen ein schnelles Ende zu bereiten, in eigener Verantwortung nach München zu reisen, um mit Mutter Theresia die verfahrene Situation zu besprechen. Als sie eines Tages unangemeldet und unvermutet im Mutterhaus erscheint, löst sie dort schieres Entsetzen aus. Auch Mutter Theresia ist zunächst vor solcher Kühnheit sprachlos. Doch klug und erfahren wie sie ist, nimmt sie sich Zeit und setzt sich mit der ungewöhnlich selbständigen Schwester und ihren Gedanken auseinander. Um die Ernsthaftigkeit von Schwester Carolinas Anliegen und die Lauterkeit ihrer Gesinnung zu prüfen, bringt sie die „Amerikanerin“ wochenlang fern vom Konvent in der Gästeabteilung des Klosters unter und hört sich aufmerksam deren Überlegungen und Vorschläge an.

Schließlich schickt sie sie mit einem versiegelten Schreiben an Schwester Seraphina wieder über den Ozean zurück. Es enthält die Ernennung der kaum 24jährigen Schwester M. Carolina Frieß zur „Generalkommissärin“, d.h. ihrer Stellvertreterin für Nordamerika.

Überlegt, behutsam und doch sicher, klar und mutig trifft Mutter Theresia die richtige Entscheidung, die allen Beteiligten gerecht wird und dem Orden in Amerika eine große Zukunft eröffnet.

Wenn wir uns fragen, woher sie diese große personale Sicherheit, woher sie diese Unterscheidungs- und Entscheidungskraft nimmt, dann stoßen wir immer wieder auf den sie vor allem auszeichnenden Grundzug ihres Wesens, auf ihre unbedingte Selbstlosigkeit.

Mutter Theresia fragt vor einer Entscheidung nie nach den möglichen Konsequenzen für sich selbst. Sie schielt bei ihren Planungen weder nach Erfolg und Anerkennung noch scheut sie Auseinandersetzung, Unverstandensein und Ablehnung, sondern sieht allein „die Sache Gottes“, den Auftrag, den sie zu erfüllen hat. So ist sie immer absolut frei und unabhängig von allen möglichen (auch „frommen“) Vorurteilen oder ideologischen Verkrustungen. So ist ihr Blick stets klar und unbestechlich und fähig, sofort den Kern einer Sache wahrzunehmen. Nur ihre aus der Selbstlosigkeit erwachsende Freiheit erklärt die sie auszeichnende bewundernswerte unbeirrbare Souveränität inmitten der vielfältigen Widerstände, Verkennungen, Mißdeutungen ihres Handelns, inmitten aller Bedrohungen und Anfeindungen ihres Lebens und läßt sie stets standhaft zu ihrer inneren Einsicht, zu ihrem Gewissen stehen.

Was uns Mutter Theresia zu sagen hat

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen,

die Skizze der großen Frau und Pädagogin, die ich Ihnen zu zeichnen versuchte, läßt uns hoffentlich ahnen, was uns Maria Theresia Gerhardinger heute, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, inmitten der Wirren, Unsicherheiten und Probleme unserer Zeit, der Kompliziertheit, der Ängste und Bedrohtheit unseres Lebens zu sagen hat. Uns, die wir alle in mehr oder minder großer Verantwortung für das Leben stehen, das eigene und das anderer, oder die wir wie Ihr, liebe Schülerinnen, in diese Verantwortung mehr und mehr hineinwachsen.

So wollen wir am Schluß unserer Begegnung mit Mutter Theresia, am Schluß unserer Gedanken und Erinnerungen unsere Einsichten zusammenfassen und noch einmal ins Wort nehmen!

Dabei soll Maria Theresia Gerhardingers große Bedeutung für die Bildungs- und Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts nur erwähnt, soll auch nur ins Bewußtsein gerufen werden, daß sie mit ihrem Konzept einer ganzheitlichen Erziehung junger Frauen zu Selbständigkeit und Mündigkeit ihrer Zeit weit voraus war und daß sie mit ihren Schwestern der modernen Frauenbildung die Bahn brach (nicht zuletzt an dieser und über diese Schule). Denn wir wollen uns vor allem vergegenwärtigen, was eine jede, ein jeder von uns auf die je eigne Weise von ihr lernen kann - für das eigne Leben und für unsere gemeinsame Arbeit.

Es kann uns dabei nicht um kurzschlüssiges Vergleichen gehen oder um Versuche der Angleichung an ihr Wirken und schon gar nicht um blinde Nachahmung ihres Lebens oder ihrer Entscheidungen. Wenn wir von ihr lernen wollen, dann können wir sie nur anschauen, auf uns wirken lassen, sie nach den bewegenden Kräften und Motiven ihres Lebens befragen - und auf sie hinhören.

Das rechte Tun ist in dieser Welt meist ungewöhnlich, selten nach dem gängigen Zeitgeschmack und oft auch so manchem (vermeintlich) Frommen ein Ärgernis. Diese Erkenntnis ließ Mutter Theresia sagen: „Das Gute findet überall der Hindernisse gar viele, hat es aber die Feuerprobe bestanden, dann bewährt und entwickelt es sich umso vortrefflicher.“ Und das andere, bekanntere Wort, das auch auf ihrer Grabplatte steht: „Alle Werke Gottes gehen langsam und leidvoll vor sich. Dann aber stehen sie desto fester und blühen umso herrlicher auf.“


Quellen:

Literatur:

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