Für die Schule:
Oberstudiendirektorin i. K. Renate Gammel
Hochwürdigster Herr Bischof,
sehr geehrte Frau Provinzoberin,
sehr geehrter Herr Domkapitular Neumüller,
verehrte Festgäste,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Schülerinnen!
Als wir im Jahr 1989 das 150-jährige Bestehen unserer Schule feierten, verfasste Bischof Manfred Müller, der damalige Bischof von Regensburg, für unsere Festschrift ein Grußwort. Bezug nehmend auf den Entschluss der Ordensgründerin Theresia v. Jesu Gerhardinger, auch in Amberg eine Filiale der Armen Schulschwestern v. U. L. Frau und eine Schule zu errichten, schrieb er:
Die Armen Schulschwestern leisteten damit einen nicht unerheblichen Beitrag zur Entwicklung Ambergs als hervorragende Schulstadt in der Oberpfalz bis heute. Wenn ich den Dr.-Johanna-Decker-Schulen der Armen Schulschwestern zum 150-jährigen Bestehen gratuliere, dann geschieht dies vornehmlich in der Gestalt des Dankes an eine Ordenskongregation, die eine wertvolle Tradition fruchtbar macht für unsere Zeit.
Und Bischof Manfred beendet seinen Beitrag mit dieser indirekten Aufforderung: "Eine gesegnete Zukunft möchte ich Ihnen wünschen mit den Worten der Schriftstellerin Gertrud von Le Fort: "Nur die Dämonen drohen immer: ‚Fürchtet euch!', aber die Engel Gottes sagen: ‚Fürchtet euch nicht!'"". (Der Kranz der Engel)
Das ist zweifellos zutreffend und auch einprägsam gesagt. Die Stadt Amberg und der Landkreis Amberg-Sulzbach wären tatsächlich viel ärmer, wenn es diese Schule nicht gegeben hätte und nicht gäbe.
Ärmer nicht nur im Hinblick auf Bildung, Erziehung und Vermittlung und Festigung christlicher Glaubensüberzeugung, sondern auch in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht. Zu keiner Zeit haben wir der Kommune oder dem Kreis Kosten verursacht, da diese nicht unseren Sachaufwand tragen müssen.
Umgekehrt hat die Bayerische Provinz der Armen Schulschwestern v.U.L.Fr. in der langen Zeit ihrer Trägerschaft viele, viele Millionen Mark und Euro in diese Schule, in dieses große Haus investiert, vielen Handwerkern und mittelständischen Betrieben der Region Aufträge gegeben und somit Arbeitsplätze geschaffen und erhalten. Die Schulschwestern waren und sind in heute selten anzutreffender Weise zuverlässige und faire Partner. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Kongregation auch die in wenigen Wochen beginnenden notwendigen Umbaumaßnahmen im Rahmen des achtjährigen Gymnasiums voll und ganz finanziert.
Und nun zum Bild von den Dämonen und den Engeln Gottes. Mit dem Menschen verhält es sich meistens so: Die ganz große Freude will sich erst einstellen, wenn es handfeste Zeichen dafür gibt, dass es richtig ist, den Engeln Gottes zu glauben. Wer schon lange durch die Wüste der Ungewissheit, der Vertröstungen und des Stillstands gegangen ist, sehnt sich sehr nach dem "Manna" der Sicherheit, der Zuverlässigkeit und des klaren Wortes, das Zukunft verheißt.
Die Zeichen der Zeit erkannt und mit beispielloser Entschlossenheit gehandelt zu haben, wird für immer, sehr geehrter Herr Bischof, mit Ihrem Namen verbunden sein. In der Geschichte unseres Bistums gehören Sie zu jenen Bischöfen, die den Wert von Wissenschaft, Bildung und Pädagogik ganz oben ansiedeln und die wissen, dass das tragfähigste Fundament für ein Leben aus dem Glauben in jungen Jahren - und d.h. vornehmlich in der Schulzeit - gebaut wird.
In Ihrem diesjährigen vorösterlichen Hirtenwort gehen Sie intensiv und überzeugend auf diese Thematik ein. Ich zitiere: "Unsere pastorale Aufgabe in Deutschland besteht also nicht darin, die Jugendlichen mit irgendwelchen liberalen oder konservativen Ideologien und oberflächlichen Events in die Kirche zu locken. Dies wäre letztlich eine Seelsorge, die die gottgeschenkte Personenwürde der jungen Menschen nicht ernst nimmt. ... Es geht viel einfacher. Wir sprechen ganz schlicht von Mensch zu Mensch in der Sprache Gottes. Es ist die Sprache der Liebe."
Die von Ihnen ins Leben gerufene und am 15. November 2003 besiegelte Schulstiftung der Diözese Regensburg wurde lange diskutiert, erhofft, ersehnt. Wirklichkeit wurde sie erst durch Ihr entschlossenes Handeln. Für den mutigen Schritt der Gründung danke ich Ihnen als Leiterin unseres Gymnasiums und unserer Realschule und stellvertretend für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ganzem Herzen.
Die Stiftung konnte nur aufnehmen, was ihr gegeben wurde. Gegeben haben Sie, sehr geehrte Frau Provinzoberin. Und gegeben haben Sie wahrlich alles:
- Sie und alle Schwestern der Bayerischen Provinz der Armen Schulschwestern v.U.L.Frau trennen sich von einem Gymnasium und einer Realschule, deren Existenz das persönliche Werk Ihrer Ordensgründerin Maria Theresia v. Jesu Gerhardinger ist und Ihnen deshalb ganz besonders am Herzen liegt. Diese Schule ist die älteste höhere Schule für Mädchen und junge Frauen in der Oberpfalz; Tausende Bürgerinnen der Stadt und des Umlandes haben hier eine wichtige Prägung für ihr Leben erfahren. Für derzeit 1100 Schülerinnen ist diese Schule mit ihren vielen Gebäuden und Stockwerken, mit langen Fluren und endlos scheinenden Treppenfluchten, mit Innenhöfen und Biotopen Lern- und Lebensort.
- Sie trennen sich von einem Gebäudekomplex, dessen auf das späte 17. Jahrhundert zurückreichende architektonische Schönheit und kulturhistorische Bedeutung das Bild der Stadt Amberg in unverwechselbarer Weise prägt und viele Besucher aus nah und fern, aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen begeistert und dankbar dafür sein lässt, dass diese Schönheit über 165 Jahre von den Schulschwestern erhalten und gemehrt worden ist. Ihrer Kongregation verdanken wir im Herzen der Amberger Altstadt ein Kleinod, das unter europäischem Denkmalschutz steht.
- Sie trennen sich auch von über 90 weltlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich mit ihrer ganzen Arbeitskraft, mit ihrer Vitalität und Kreativität und mit einem sehr hohen Maß an Loyalität für diese Schule einsetzen, zu ihr stehen und ihr ein sehr menschenfreundliches Gesicht geben.
- "Gegeben haben Sie wahrlich alles." Für die Aufnahme dieser Schule in die Schulstiftung der Diözese Regensburg haben Sie, sehr geehrte Schwester Salome, im wahrsten Sinn des Wortes gekämpft. Sie haben um dieser Schule willen auch Leid und Kummer ertragen, aber auch erfahren dürfen, dass die guten leidvollen Werke letztendlich umso herrlicher erblühen -- wie einst Ihre Ordensgründerin tröstend feststellte.
Auch in den schweren Augenblicken der Trennung von dem, was das Apostolat Ihrer Kongregation ausmacht, eine Trennung, die letztlich an die im 21. Jahrhundert schmerzlich sicht- und spürbar werdende geschichtliche Begrenztheit christlicher Ordensgemeinschaften gemahnt, haben Sie Größe gezeigt: Sie hielten nicht fest, was nur um den Preis des Untergangs festzuhalten gewesen wäre; Sie gaben frei und bewahren so einem großen Werk die Chance zu leben.
Die Pädagogik zählt zu den schwierigsten, umstrittensten und schönsten Feldern menschlicher Bemühungen seit Anbeginn. Stellt man hundertmal die Frage, was eine gute Schule ausmache, dann bekommt man hundertmal verschiedene Antworten. Eine davon - und mir gefällt sie besonders gut - ist die der Lehrerin, Dozentin für Pädagogik und Schriftstellerin Ute Andresen. Sie lautet: "Ob eine Schule gut ist, entscheidet sich daran, ob die dort arbeitenden Lehrer und Lehrerinnen die ihnen Anvertrauten als Menschen achten und ihren Anspruch auf Bildung einzulösen versuchen. Gute Lehrer sind - genau wie Künstler und Handwerker - Menschen mit Respekt vor dem, was sich nicht leicht fügen will."
Diese Definition einer guten Schule überzeugt aus drei Gründen:
- Achtung vor den Menschen, und zwar unabhängig von ihrem Alter, ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht und ihrer Religion ist die wichtigste Basis für gelingendes Unterrichten und Erziehen. Achtung, die sich auch darin zeigt, dass man ihnen zuhört, mit ihnen redet, den Konsens sucht, wo er möglich ist, den Konflikt austrägt, wenn es nötig ist, die eigene Freiheit dort enden lässt, wo die des anderen beginnt, auf Verletzungen verzichtet und das Wohl der anderen im Auge behält. Diesen Maximen wissen wir uns verpflichtet.
- Menschen haben Anspruch auf Bildung, ein Anspruch, der in Deutschland so ernst genommen wird, dass es sogar eine gesetzlich verordnete Pflicht zur Bildung gibt. Immer mehr setzt sich in den von anhaltenden Wirtschaftskrisen geschüttelten Industrienationen und in den von Not und sehr großer Not geplagten Gesellschaften im Osten und Süden die Überzeugung durch, dass menschenwürdiges Leben umso eher gelingt, je höher der Grad der Bildung ist. Wir haben uns immer als eine Schule verstanden, in der Wissen, Denken und Leistungsbereitschaft groß geschrieben werden.
Als Bildungseinrichtung mit langer Ordensschultradition bekennen wir uns dazu, dass ganzheitliche Bildung den Menschen auch in seiner religiösen Dimension erfasst. Die "Angst überwindende Qualität des Christentums [muss] wieder entdeckt und ... glaubhaft gemacht werden", schreibt der Theologe Eugen Biser. Und er fährt fort: "Eine Theologie, die sich diesem 'Gott der Güte und Menschenfreundlichkeit` verpflichtet weiß, muss dem Menschen entgegenkommen." Unseren Schülerinnen bei ihrer Sinnsuche und Lebensgestaltung Hilfen aus dem christlichen Glauben zu geben, ist uns ein ehrliches Anliegen. - Und schließlich der dritte Grund: Ute Andresen spricht davon, dass gute Lehrer versuchen, die ihnen Anvertrauten zu bilden. Damit drückt sie aus, was jeder, der mit Schule vertraut ist, weiß: Es gibt keine Garantie für Erfolg. So setzt sich unser Kollegium aus wahren "Künstlern und Handwerkern" zusammen, die kreativ und geschickt sind, gute und auch weniger gute Phasen haben, Avantgardistisches kreieren, und auch Bodenständiges bereiten, und die von Zeit zu Zeit auch eingestehen müssen: Das ist mir nicht gelungen.
Unsere Schülerinnen sind junge Menschen dieser Zeit: Sie lachen und weinen, freuen sich und sind traurig, öffnen und verschließen sich, stellen Fragen, ziehen in Zweifel, sind liebenswert und wollen sich dann und wann "nicht leicht fügen".
Diese Schule, sehr geehrter Herr Bischof, sehr geehrter Herr Domkapitular Neumüller, ist nun die Ihre. Für sie haben Sie Verantwortung übernommen. Dafür danken wir Ihnen sehr. Sie werden sehen: Auch wir sind ehrliche Partner.
Und Ihnen, sehr geehrte Frau Provinzoberin, darf ich versichern, dass wir unsere Wurzeln nie vergessen werden. Der Geist, der diese Schule prägt und unverwechselbar macht, der Geist der Schulschwestern, wird hier weiterleben.
Die Kongregation der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau, die Schulstiftung der Diözese Regensburg und die Dr.-Johanna-Decker-Schule werden den Stürmen und Herausforderungen der Zeit gewachsen sein, wenn sie sich auf eine Kraft besinnen und als einigendes Band wählen, die Erich Fried so einmalig schön in die Herzen der Menschen zeichnet:
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe.
Schulleiterin OStDin i.K. Renate Gammel