Theatergruppe begeistert Zuschauer mit Klassiker

Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ mit großem Engagement aufgeführt

Der moderne Klassiker der Theaterbühne, Friedrich Dürrenmatts 1956 uraufgeführtes Stück „Der Besuch der alten Dame“, wird vom Autor im Untertitel als „tragische Komödie“ bezeichnet. Beide Elemente, das Tragische und das Komische, vermochten die Schülerinnen der 7. bis 11. Jahrgangsstufe der Decker-Schulen so auf der Bühne des Gerhardinger-Saals darzustellen, dass die über 200 Zuschauerinnen und Zuschauer fasziniert dabei blieben. Dass sie das Geschehen aufmerksam verfolgten, war an Szenenapplaus, Erheiterung und betroffener Stille zu erkennen. Die Schulspielleiter Florian Hackl und Andreas Karl hatten die Spielerinnen gut vorbereitet.

Ausführliche Darstellungen des Inhalts sind leicht im Internet zu finden, z. B. hier, doch für die Besprechung der Aufführung soll die Zusammenfassung im Programmblatt genügen:

Die Kleinstadt Güllen ist arm, heruntergekommen und ohne Zukunft. Als die Milliardärin Claire Zachanassian nach Jahrzehnten zurückkehrt, hoffen alle auf Rettung. Sie verspricht Wohlstand, – Fabriken, Arbeitsplätze, neue Perspektiven. Doch Claire stellt eine Bedingung: ein Milliarde für die Stadt, wenn die Bürgerinnen und Bürger Alfred Ill töten – den Mann, der ihr einst Unrecht tat und sie im Stich ließ. Zuerst ist das Entsetzen groß. Dann beginnt sich etwas zu verschieben: Worte, Blicke, Anschaffungen, Haltungen. Was als unmoralisches Angebot abgewiesen wird, wird Schritt für Schritt zur Möglichkeit – und schließlich zur Entscheidung.

Bei ihrer Inszenierung nutzte die Theatergruppe geschickt die Möglichkeiten, die der Gerhardinger-Saal bietet. Die Bühne stand teils als Ganzes für einen Ort, z. B. für den Bahnsteig, teils zweigeteilt zwischen Zachanassians Hotelzimmer und Ills Laden – jeweils mit einer hilfreichen Schauplatz-Bezeichnung am oberen Rand der Bühne eingeblendet. Manche der Szenen waren vor die Bühne ausgelagert, nämlich das Büro des Polizisten und die Sakristei des Pfarrers. Und der Mittelgang zwischen den gefüllten Zuschauerreihen diente zuerst dem großen Anfangs-Auftritt der Zachanassian und dann am Schluss der Sargprozession mit dem getöteten Ill. Gut gewählte Geräusche (z. B. der vorbeirauschenden Züge) und Musik-Schnipsel wurden über die Lautsprecheranlage eingespielt und verstärkten den Gesamteindruck.

Die 29 Rollen waren durchwegs gut besetzt, wobei manche Spielerin sogar mehr als eine der kleineren Figuren übernommen hatte. Beeindruckend gestaltete Ronja Maurer die Hauptrolle der Claire Zachanassian. In Mimik und Gestik hatte sie die Arroganz, aber auch die Verletzlichkeit der steinreichen Frau verinnerlicht, die sich für die Enttäuschung und Demütigung in ihrer Jugend rächen will. Ihr Gegenüber, der vom Leben enttäuschte Alfred Ill, wurde von Katharina Günzl mit Leidenschaft dargestellt. Den anspruchsvollen Part erfüllte sie besonders in der zweiten Hälfte des Stücks mit Leben, in dem sich Ill zunächst verzweifelt gegen die Morddrohung zu wehren versucht und sie dann später resigniert als eine Art Gerechtigkeit für sich akzeptiert. Marie Tewes überzeugte als Bürgermeister, der wort- und gestenreich seinen Standpunkt mit der Zeit um 180 Grad dreht; Franziska Haferkorn verkörperte engagiert den humanistisch denkenden Lehrer, der letzten Endes doch seine Ideale fahren lässt und darüber verzweifelt; Klara Urmann gelang die Darstellung des Pfarrers sehr gut, der zwar Nächstenliebe predigt, aber doch in der Hoffnung auf den Mord neue Glocken für die Kirche kauft, und Maria Lang fuchtelte als Polizist in glaubhaft gespielter Naivität mit der Pistole vor Ills Gesicht herum. Doch auch alle namentlich hier nicht genannten fast 20 weiteren Spielerinnen fügten sich harmonisch in das Gesamtkonzept dieser Aufführung ein und bescherten den Zuschauern trotz der beachtlichen Aufführungslänge von über zwei Stunden einen gelungenen und nachdenklich machenden Theaterabend.

In der Pause etwa in der Mitte des Stücks wurde das Publikum im Steinernen Gang von Schülerinnen der 12. Jahrgangsstufe mit Getränken und Snacks gestärkt.

— Genehmigung zur Aufführung erworben bei Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin —


Text und Bilder: Peter Ringeisen